Kategorie: Wirtschaft

Das Trump mit dem Bade ausschütten – oder warum Staaten natürlich wie Unternehmen geführt werden müssen

Seit rund drei Monaten ist Donald Trump jetzt Präsidentenpraktikant der USA.

Es sind zwei Dinge zu konstatieren:

  1. Er hat angekündigt – und ist von nicht wenigen deswegen gewählt worden – die USA wie sein Unternehmen zu führen.
  2. Er macht einen unglaublich schlechten Job – auch wenn das nicht überraschend kommt.

Daraus ziehen jetzt Menschen den unglaublichen Fehlschluss, man könne einen Staat nicht wie ein Unternehmen führen.

Angesichts von Staatsquoten, also dem Anteil staatlicher Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt, die im EU-Raum zwischen 38% und 58% liegen (wobei Deutschland mit 44% im europäischen Mittelfeld liegt), muss man auf diesen Gedanken erst einmal kommen.

Selbst in den USA mit einer Staatsquote von „nur“ 36% ist der Staat der bei weeeeeeeitem größte Player auf der wirtschaftlichen Bühne. Zum Vergleich: 2016 stehen 6.590 Milliarden US-Dollar Staatsausgaben einem Umsatz von 215 Milliarden US-Dollar von Apple gegenüber.
Und Apple ist derzeit nach Börsenwert gerechnet das wertvollste Unternehmen der Welt.

Also rund 30x so viel „Umsatz“ wie Apple – aber nicht wie ein Unternehmen zu führen? Wie soll das denn bitte begründet sein?

Schauen wir uns zu diesem Zweck ein Video an, das mit momentan 14 Millionen Aufrufen unverdient viral geht.
Blogger Nando Vila tut uns den Gefallen, alle Fehler, die sich in einschlägigen Beiträgen finden, in seinen Ausführungen zu vereinen und somit besonders offensichtlich widerlegbar zu sein.
Bedienungsanleitung: Video laufen lassen und diesen Artikel parallel lesen.

Blogger Nando Vila putting app. 25 mistakes into 2 minuteshttps://www.facebook.com/fusionmedianetwork/videos/1860159380676698/?pnref=storyThe problem with electing a CEO as president? The government isn’t a business –– and we shouldn’t run it like one.

 

Bei 0:32 „The goal of a business is to maximize profit, while the goal of a government in a democracy is to represent the will of its citizens and provide things like health care, security and infrastructure. These things are just not different, they are actually kind of the opposite”:

Natürlich nicht. Sie sind das gleiche. Die Aufgabe des Staates ist, seine Produkte – völlig richtige Beispiele sind Gesundheitswesen, öffentliche Sicherheit und Infrastruktur – zu so geringen Kosten (grob gesagt: Steuern) wie möglich zu produzieren. Also möglichst viel Output zu möglichst geringen Kosten, kann man auch nennen…. stimmt – Gewinnmaximierung. 

Man darf natürlich nicht den Gewinn des Staates als möglichst großen Haushaltsüberschuss definieren. Das wäre Unsinn.

Genauso wie es im Jahre 2017 nicht mehr ganz en vogue ist, nur den (kurzfristigen) Bilanzüberschuss als _die_ Profitmaximierung zu verstehen. Seit den 1980ern ist der etwas weitergehende Ansatz des Stakeholder Value Standardwissen in der Managementtheorie. Stakeholder value besagt grob vereinfacht, dass ein Unternehmen langfristig dann am sichersten und erfolgreichsten wirtschaftet, wenn es die Interessen aller in irgendeiner Form mit dem Unternehmen verbundenen Menschen und Gruppen berücksichtigt, wie Kunden, Lieferanten, Verbraucherverbände, Lieferanten, etc.
Klingt doch plötzlich viel näher an einem Staat dran, oder?
Und Stakeholder value hat sich in den Managementetagen herumgesprochen. Außer vielleicht bei einigen klotzblöden Amis, die panisch in Quartalen denken. Oder bei Herrn Vila.

 

Bei 0:40: „Just look at who’s supposed to be in charge. In democracies, the citizens are supposed to have the ultimate authority. In a corporation that authority lies with the owners and the CEO. ”

Ein signifikanter Anteil der größten Unternehmen sind Aktiengesellschaften mit einem großen Anteil Streubesitz. Dann haben – zumindest theoretisch – die Aktionäre die letztendliche Kontrolle und z.B. die Möglichkeit, einen CEO zu ersetzen.
Jetzt setzen wir mal Aktionäre = Bürger und schon passt das. Die haben die Möglichkeit, einen CEO = Präsident/Kanzler/Premierminister zu ersetzen.
Natürlich gibt es Unternehmen, die in privater Hand sind. Es gibt aber auch Länder, die keine Demokratien sind.
Natürlich laufen in großen AGs jede Menge Machtkämpfe hinter den Kulissen ab, und der Aktionärsversammlung (=Wahl) wird dann das Bild gemalt, das den Machtkampf gewonnen hat. Aber ob die westlichen Demokratien den Bürgerwillen immer so treubrav 1:1 umsetzen – nun, das würde hier etwas weit führen.
Für den Moment halten wir fest, dass wir mit Bürger = Aktionäre ein ganz brauchbares Modell haben.

 

Bei 0:54: „And corporations are entirely totalitarian institutions… but at the end of the day the owners and the CEO make the decisions and the employees follow orders.”

Natürlich. Der Mann hat ein recht einfach gestricktes Bild und vermutlich nie ein größeres Unternehmen von innen gesehen. Zwischen dem CEO und den „einfachen“ Mitarbeitern steht zunächst mal noch eine Managementetage, die durchaus eigene Ziele verfolgt. Einfach mal aus Spaß „Machtkampf Vorstand“ googlen. Gibt 138.000 Treffer und jeder einzelne ist amüsant.

Wenn wir einmal den Browser auf haben, googlen wir doch gleich noch mal „scheitern change management“. Unisono ist zu finden, dass jede Art von gravierender Veränderung im Unternehmen scheitert, wenn die Mitarbeiter nicht einbezogen und abgeholt werden, wenn die Gründe und Ziele von Veränderungen nicht ständig und intensiv kommuniziert werden, wenn es Quertreiber und (offene oder verdeckte) Widerstände gibt usw.
83.700 Treffer zu diesem Stichwort, aber „employees follow orders“. So ganz im tayloristischen Produktionsprozess des 19. Jahrhunderts sind wir in den meisten Firmen dann doch nicht mehr. Mitarbeiter können Vorgaben schon recht subtil untergraben.

 

Bei 1:07: „Compare that with how our government is supposed to work. We have the right to vote against, protest, and challenge our leaders. Even insult them publicly! … Try publicly calling your boss an ambassador from hell. You won’t be at that company for very long.”

Das ist die zweite falsche Rollenzuordnung. Der im Video erscheinende Mann, der Barack Obama einen Botschafter der Hölle schimpft, ist kein Regierungsmitarbeiter.
Der Bürger = Aktionär kann seinen Vorstandvorsitzenden beschimpfen. Seine Aktie (=Stimmrecht) kann ihm niemand wegnehmen.
Einem Regierungsmitarbeiter oder einem höheren Verwaltungsbeamten kann es in der Tat schlecht bekommen, seinen CEO = Präsident/Kanzler/Minister zu beleidigen. Genau wie im Unternehmen.

 

Bei 1:26: „The skills of a CEO and a political leader are almost diametrically opposed. A president has to build consensus, respond to public opinion and manage complex diplomatic relations. While a CEO, at the end of the day, just has to squeeze out as much profit as he can. If they don’t, they will be replaced.”

Größtenteils siehe oben. Etwas sehr primitiver Blick auf einen CEO. Der Job ist durchaus vielschichtiger, als Nando Vila sich das vorstellen mag. Und es sind auch schon CEOs trotz hervorragender Zahlen ersetzt worden, sagen wir aufgrund von Umweltskandalen, Skandalen mit Kinderarbeit in asiatischen Werken/Zulieferern, und was es da noch so gibt.
Das, was Vila als wichtige Qualifikation eines Politikers sieht, ist auch durchaus zentral für einen CEO.

 

Ab 1:50 folgt das Beispiel, dass der U.S. Postal Service Geld verliert, während die privaten Konkurrenten wie UPs, FedEx usw. Geld verdienen.
Vila trifft die Aussage „It’s not supposed to make money. The Postal Service is supposed to provide postal services to all citizens. For example, a private company like FedEx or UPS might not want to open an office in a poor, remote, underpopulated area like Hysham, Montana, because it’s not profitable. The U.S. Postal Service sets up shop there so that the good people of Hysham can send and receive mail. Because the government helps pay for it.“

Nun, in einer entlegenen Ecke wird sich auch so schnell kein Arzt ansiedeln. Ist es Aufgabe des Staates, eine staatliche Praxis zu eröffnen?
Es wird sich auch kein Anwalt dort niederlassen. Ist es Aufgabe des Staates, die Rechtsberatung der dortigen Bürger sicherzustellen?
Es wird auch kein <fill in the blanks> eröffnen. Wer – aus welchen Gründen auch immer – am Popo der Welt wohnt, hat Vorteile und Nachteile. Vorteil ist z.B. ein günstigerer Grundstückspreis. Nachteil sind weitere Wege. Zu allem.
Wieso soll da eigentlich das Postamt eine Ausnahme machen?
Davon ab, auch UPS und FedEx würden Lösungen finden. Z.B. dass Post im nächstgelegenen Supermarkt abgegeben oder abgeholt werden kann. Können sie sich in Deutschland abgucken. Da macht das ein Staatsunternehmen nämlich schon so.

 

Bei 2:31 „And if the U.S. Postal Service didn’t exist, UPS and FedEx wouldn’t have a counterweight to keep prices low enough that even people in Hysham can afford it.”

Äh. Schon mal was von Wettbewerb gehört?

 

Bei 2:39 „And the same goes for something like health care. If you run it like a business, that means prioritizing profits. If you run it like a government, that means prioritizing care and saving people’s lives. … Yet our market-based system costs more per citizen than any other developed system, while still leaving 20 million people uninsured.  But at least profits for our health insurance companies are doing pretty good.“

Wenn (was ich nicht geprüft habe) die Pro-Kopf-Kosten in den USA wirklich die höchsten sind, liegt natürlich ein Missstand vor. Vernünftige Rahmenbedingungen im Rahmen eines Krankenversicherungssystems beinhalten einen funktionierenden Wettbewerb zwischen den Krankenversicherungen und eine Versicherungspflicht für jeden, auch schwere Fälle, zu einem Basistarif.
Dann haben wir einen Konstruktionsfehler. Aber es ist naiv, deswegen zu glauben, bei einer(!) staatlichen Krankenversicherung würden sich Kostensenkungen ergeben.

(Mein Idealbild ist sowieso eine steuerfinanzierte Gesundheitsbasisversorgung, für Deutschland circa auf dem Level der heutigen gesetzlichen Krankenversicherung. Diese in einem System, in dem Ärzte und Krankenhäuser im Wettbewerb stehen; der Patient sucht sich aus, wo er hin geht, für bestimmte Leistungen werden feste Sätze aus dem Steuertopf gezahlt. Die einzelnen Kliniken versuchen Kosten zu senken (um ihren Profit zu maximieren), aber gute Leistungen zu bieten (weil der Patient sonst zum Wettbewerb geht). Alles darüber hinaus gehende wird über freiwillige private Zusatzversicherungen abgedeckt. Aber das nur am Rande.)

 

Was Vila komplett übersieht: Business heißt in allererster Linie Streben nach Effizienz und ständiger Entwicklung als Basis für langfristigen Erfolg. Und das würde auch dem öffentlichen Sektor mehr als gut tun.

Und was Vila noch viel mehr übersieht: Das, was Trump abliefert, ist nicht nur für einen Präsidenten Müll. Es wäre auch für einen CEO Müll.
Die Frage, die sich mir abschließend stellt, ist dann eine ganz andere: Wie ist der Mann mit den Skills an seine Milliarden gekommen?

Gegen Nestlé und gegen gut – ein unterirdisches Netzfrauen-Ding wird viel zu oft geteilt

In meiner Facebook-Timeline taucht seit Tagen ständig ein Beitrag der Netzfrauen auf. „Trotz Dürre-Katastrophe – Nestlé pumpt 50.000 Liter pro Stunde Wasser aus Äthiopiens Boden und baut die Milchwirtschaft aus“ lautet die Überschrift.

Ok, Nestlé ist böse, das ist gegen Nestlé, und dann kann man das teilen, vermutlich ohne es gelesen zu haben.
Besser ist das. Denn: Wenn man es liest, müsste man sich geringfügig aufregen. Oder doof sein.

Ich habe es gelesen. War ein Fehler. Klarer Fall von Pseudo-Journalismus übelster Qualität. Im Einzelnen:

  • Die Dürrekatastrophe ist ein riesiges Problem im Osten Äthiopiens. Zitat des Artikels: „In der äthiopischen Somali-Region haben viele Nomaden ihre Herden verloren. Menschen leiden Hunger, und was diese Menschen dringend brauchen, ist Trinkwasser. “ Traurig genug. Aber das Nestlé-Werk liegt in Sululta, das ist nördlich von Addis Abeba, und somit nicht in der Somali-Region. Google Maps ist dein Freund.
  • Es stimmt zwar – wie der Artikel sagt -, dass in Sululta vier Monate des Jahres sehr wenig Niederschlag fällt, in der Summe eines Jahres gibt es aber mit 1119 mm/qm eine Niederschlagsmenge auf deutschem Niveau. Und die ist für das Grundwasser entscheidend. Kann man hier nachlesen https://de.climate-data.org/location/54040/
  • Es wird ausgesagt, dass Nestlé 50.000 L/h abpumpt, „mehr als die Hälfte dessen, was der Regierung für ihre Bevölkerung zur Verfügung steht.“. Dies mit Bezug auf einen Artikel des Guardian. Liest man diesen (sehr guten!) Artikel, findet sich auch dort die Aussage „its capacity is more than half that of the local government”. Es wird aber die Begründung gegeben, dass eine inkompetente und korrupte Regierung einfach zu wenig Pumpenkapazitäten aufgebaut hat.
  • Das heißt, dass das Nestlé-Werk nicht den Regierungspumpen Wasser wegnimmt, sondern deren Kapazitäten ergänzt. Und die zur Verfügung stehende Grundwassermenge sei keinesfalls ein Problem – Zitat aus dem gleichen Guardian-Artikel: „“There’s water everywhere. The only problem is the government’s willingness,” says a manager at another company, Classy Water.“ Das wurde leider bei den Netzfrauen nicht zitiert.
  • Dort ist weiterhin zu lesen, dass derzeit fünf Wasserfabriken in Sululta produzieren – auf den anderen vieren wird aus unklarem Grund nicht herumgeprügelt.
  • Die 50.000 L/h wurden übrigens schon abgepumpt, bevor Nestlé sich 2016 an einem existierenden lokalen Anbieter beteiligt hat. Bislang hat es keine Kapazitätserweiterungen gegeben. Aber wenn ein lokaler Anbieter Wasser produziert, ist das vermutlich weniger verwerflich. Oder so.

Recht amüsant ist die Aussage „Flaschenwasser können sich die Menschen nicht leisten. So dursten sie weiter, obwohl sie eine Fabrik für Wasser in ihrer Region haben.“
Nun, ist Nestlé nicht gnadenlos profitgeil, oder wie war das?
Dann ist nicht davon auszugehen, dass Nestlé pro Stunde 50.000 unverkäufliche Flaschen abfüllt, oder? Da wäre nämlich gar kein grauslich hoher Profit zu machen.
Sehen wir davon ab, dass es ja noch die verschwiegenen anderen vier Wasserfabriken gibt. Aber deren Produkte kann sich vermutlich auch keiner leisten.

Noch ein Wort zum in der Überschrift angeführten Ausbau der Milchwirtschaft. Wenn man sich weit genug nach unten gescrollt hat, findet man unter der Zwischenüberschrift „Nestlé baut Milchsektor in Äthiopien aus“ einen Verweis auf einen Artikel auf 2merkato.com. Liest man diesen, findet man faszinierenderweise die Aussage, dass es die Pläne gibt, „however, final decision for the investment has not yet been made.“ Als Grund wird angeben, dass erreichbare Verfügbarkeit, Qualität und Gesundheitsstandards den Ansprüchen von Nestlé nicht ausreichen.
Das bitte nochmal mit der Gesamtüberschrift des Artikels vergleichen.

Reicht. Es gibt noch wesentlich mehr Widersprüche, Polemik und reißerische Kombinationen von Ereignissen, die nicht wirklich miteinander zu tun haben. Lassen wir es aber gut sein.

Nestlé ist kein Sozialwerk. Und es ist nicht lusig, dass die Bevölkerung von Sululta eingeschränkten Zugang zu sauberem Wasser hat.
Aber hier liefert ein Faktencheck das Resultat, dass das Problem ist Sululta nicht Nestlé ist, sondern eine Regierung, die ihren Job nicht macht – nämlich den massiven Ausbau von Wasserleitungen und –anschlüssen.
Nestlé springt in die Bresche und verkauft Flaschenwasser, was schon mal besser ist als gar kein Wasser (und besser, als mit dem Kanister weit fahren zu müssen).
Und nochmal, in DER Gegend gibt es schlicht keinen Wassermangel. Nestlé nimmt niemandem etwas weg.

Aber damit lassen sich wohl keine Klicks erzielen, somit keine Werbeeinnahmen und keine Spenden.
Dies alles gedacht habend, schnelle Recherche zu den Netzfrauen im Allgemeinen. Schön, dass ich nicht der Einzige bin, dem das Niveau der Artikel dieses Portals aufgefallen ist.
Und ich schreibe das hier sowieso nur, weil ich noch klickgeiler bin als die Netzfrauen und mir auch den Streisand-Effekt zunutze machen möchte.

Schrei vor Unglück

Erwachsene Menschen entschließen sich ohne jeden Zwang, Zalando-Aktien zu kaufen, weil sie glauben, Geld zu verdienen. Ok, sie fallen auf die Nase.

Jetzt heißt es „Anlegerschützer verlangen, dass nur profitable Unternehmen an die Börse dürfen.“

Sehr coole Idee… Erstens gibt es genug Absturzgeschichten auch bei Börsengängen profitabler Unternehmen (Facebook, Telekom, um nur zwei Highlights zu nennen), zweitens gibt es auch langfristig erfolgreiche Emissionen von Start-Ups, und drittens, was soll der Ruf nach dem Gesetzgeber in einer völlig normalen Situation?

Aber – und eigentlich vor allem anderen: Angenommenerweise, dieser Vorschlag würde umgesetzt. Start-Up-Unternehmen, die noch in der Verlustzone wirtschaften, aber aus völlig vernünftigen und realistischen Erwägungen heraus ihr Wachstum über einen Börsengang finanzieren möchten, wäre dieser weltweit übliche und in vielen Fällen normale Weg versperrt.
In einer solchen Entwicklung sehe ich vor meinem inneren Auge schon die gleichen Journalisten, die jetzt den Tenor der „Anlegerschützer“ aufgreifen, über die Gründungsfeindlichkeit in Deutschland herfallen.

Gegenvorschlag: „Firmenschützer verlangen, dass nur Anleger mit nachgewiesenen Mindestkenntnissen das Recht bekommen, Aktien zu kaufen.“
Eine solche Kenntnis wäre z.B. das Wort Verrluhstriesico korrekt buchstabieren zu können.

Zalando und Rocket: Zulassung zur Börse muss reguliert werden - SPIEGEL ONLINE

Zalando und Rocket: Zulassung zur Börse muss reguliert werden – SPIEGEL ONLINEhttp://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/zalando-und-rocket-zulassung-zur-boerse-muss-reguliert-werden-a-995970.htmlHunderte Millionen Euro haben Anleger binnen Tagen mit den Aktien von Zalando und Rocket Internet verloren. Anlegerschützern reicht es: Sie verlangen, dass künftig nur noch profitable Unternehmen an die Börse dürfen.

Eine seltsame Auffassung von Rechtssicherheit

Man stelle sich vor, Herr X hat Geld verliehen an Herrn A. Sagen wir 832 €. Herr A gerät in böseste finanzielle Schwierigkeiten – die Gründe seien an der Stelle völlig egal.
Natürlich geht es nicht nur um die 832 € von Herrn X, es gibt viel mehr Gläubiger.
Die meisten anderen Gläubiger von Herrn A verzichten per Vergleich auf einen Großteil ihres Geldes in der Erwartung, mit dem Vergleich besser da zu stehen, als wenn sie den Schuldner in die Insolvenz treiben.

Herr X geht einen anderen Weg: Er verkauft seine Forderung für 49 € an Herrn S.
Herr X tut das, weil er mit diesen 49 € besser wegkommt, als wenn er auf den angebotenen Vergleich eingeht.
Herr S tut das, weil er warten kann und hofft, dass Herr A irgendwann später seine Schulden wieder regulär begleichen kann und er mehr als 49 € bekommen kann.

Die Hoffnungen von Herrn S bewahrheiten sich; nach ein paar Jahren geht es Herrn A wieder besser.
Nun möchte Herr S – natürlich – das vor Jahren verliehene Geld zurück haben. Herr A weigert sich zunächst mit dem Hinweis, dass andere Gläubiger ja auch nur einen Teil zurückbekommen haben. Die Sache geht vor Gericht, und es wird entschieden, dass Herr A das von ihm geliehene Geld vollständig zurückzahlen muss.

Soweit jemand Fragen oder Einsprüche? Nein?
Dann ist jetzt der richtige Moment, diesen grausam populistischen Artikel von Jakob Augstein zu lesen.

Hedgefonds: Paul Singer zwingt Argentinien zur Zahlung - SPIEGEL ONLINE

Hedgefonds: Paul Singer zwingt Argentinien zur Zahlung – SPIEGEL ONLINEhttp://www.spiegel.de/politik/deutschland/hedgefonds-paul-singer-zwingt-argentinien-zur-zahlung-a-978916.html1608 Prozent Gewinn! In sechs Jahren! Ein amerikanischer Hedgefonds fordert diesen obszönen Profit und zwingt den Staat Argentinien in die Knie. Die US-Justiz hilft dabei. Ein Paradebeispiel für die Perversion der Macht im Kapitalismus.

 

Aus schlichter internationaler Rechtssicherheit – also einem sehr hohen Gut – wird plötzlich Erpressbarkeit.
Nehmen wir ein genau vergleichbares Beispiel: Eine 84-jährige Dame weigert sich, ihr Grundstück, auf dem sie seit ihrer Kindheit lebt, für den geplanten Ausbau einer Bahnstrecke zu verkaufen, und das Enteignungsverfahren des Staates scheitert vor Gericht.
Schreibt Augstein dann auch, wie unfassbar es ist, dass ein einzelner Mensch die Macht hat, einen Staat mit 40 Millionen Menschen in die Knie zu zwingen?

Recht hat er mit der abschließenden Forderung, dass ein Insolvenzverfahren für Staaten entwickelt werden muss; zweifelsohne erhöht ein solcher Weg das Risiko für Menschen, die „Schrottanleihen“ kaufen. Aber das kann diese journalistische Entgleisung nicht retten.

PS: Ich kenne jemanden, der noch zu DM-Zeiten ein angeschlagenes Unternehmen für 1,- DM gekauft hat. 8 Jahre später wurde das Unternehmen für 200.000 € wieder veräußert. Macht dann rund 400.000 % Profit in 8 Jahren. Wenn 1.608 % ! in sechs Jahren! obszön ist! – was ist das?