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Kategorie: Terrorwahn

Aller alltäglichen Dinge sind drei – Langeweile als Schlüssel der Terrorismusbekämpfung

Der dritte Terror-Anschlag in England binnen drei Monaten. Der zweite davon mittels eines banalen Autos. Das wiederum der keine-Ahnung-wievielte mit mehr oder weniger großen Autos in Westeuropa binnen der letzten 12 Monate.

In England kommt hinzu, dass bekanntlich in wenigen Tagen Parlamentswahl ist und dass nach dem Anschlag von Manchester allein aus wahlkampftaktischen Gründen die Polizeipräsenz extrem nach oben gefahren wurde.

Geholfen hat es nicht. Und Theresa May ruft spontan einen Vier-Punkte-Plan aus. Von dem allerdings dreieinhalb auch nicht helfen.

Positiv zu bewerten ist, dass – zumindest in meiner privaten Facebook-Umgebung – keine „I’m London“-Posts zu finden sind und niemand sein Profilbild mit einem Union-Jack-Overlay versehen hat.

Die Aspekte im Einzelnen:

 

  1. Anschläge wie diese(r) sind nicht zu verhindern. Also versucht es erst gar nicht.

Einzelne Maximalverwirrte schnappen sich einen Transporter oder einen Lkw und fahren in eine Menschenmenge. Das lässt sich nicht verhindern, auch nicht mit noch so viel Polizeiaufgebot. Wenn man um jeden Weihnachtsmarkt 150 Polizisten stellt, fahren die eben in einen Wochenmarkt. Und wenn man um jeden Wochenmarkt auch noch 150 Polizisten stellt, fahren die eben in einen Trödelmarkt. Und so weiter. Irgendwann stehen dann um jeden was-auch-immer-Markt Polizisten und die fahren einfach in eine islamfreundliche Demo.

Das ist nicht lustig. Das soll nicht verharmlosen. Aber es ist die nüchterne Wahrheit.

Insbesondere wenn es die Sorte Attentäter ist, die vor sechs Wochen noch nicht genau wusste, wie man Koran buchstabiert und sich überwiegend von Billig-Alkohol und Billig-Schweinefleisch ernährt hat, jetzt aber Ungläubige töten möchte, lässt sich auf der operativen Ebene kaum etwas verhindern.

Und Polizeistunden sind eine durchaus knappe Ressource. Lasst bitte die Polizisten etwas Sinnvolleres machen.

Das Problem hier wiederum ist die allgemeine Dummheit in Verbindung mit einem trügerischen Sicherheitsbedürfnis und politischer Taktik.
Wenn Politiker A sagt „wir schaffen Sicherheit vor Terroristen“ und Politiker B sagt „es gibt keine Sicherheit“, findet Tante Erna den Politiker A besser. Und dann geht Tante Erna auf den Weihnachtsmarkt und fühlt sich sicher, weil da ja ganz viel Polizei ist und ohne die Polizei bestimmt genau da eine Bombe hoch gegangen wäre.

Ich relativiere mich selbst ein wenig: Eventuell helfen die Polizisten auf den Weihnachtsmärkten gegen noch mehr Stimmen für AfD&Co.
Wenn Angela M. im Wahlkampf sagen würde „Es wird auch 2018 diverse Lkw-Attentate geben, egal was wir tun“, und Björn H. sagt „wir knallen alle Gefährder ab, dann gibt es keine Attentate mehr“, würden noch mehr Tante Ernas Nazis wählen.

Dumm nur, dass in England halt Wahlkampf ist und Frau May entsprechend so was sagen muss und bis Donnerstag jeder Polizist in England auf die Straße geschickt werden wird.

 

  1. May-Punkt Nummer 1: Islam vs. Islamismus

„Man müsse den islamistischen Extremismus, diese ‚Perversion des Islam und der Wahrheit‘ besiegen“, indem man die Gedanken der Menschen von dieser Ideologie abbringe.“

Islam ist – wie jede Religion – in erster Linie Volksverdummung und ein Werkzeug zur Etablierung von Herrschaftsstrukturen. Nicht lustig. IS Anführer Abu Bakr al-Baghdadi könnte auch durchaus ein Überzeugungstäter sein, zumindest ist zu lesen, er beansprucht ein direkter Nachfahre Mohammeds zu sein und habe Islamwissenschaften studiert. (Sollten hingegen die Gerüchte stimmen, er sei von der CIA instrumentalisiert – auch gut. Ändert nicht allzu viel)

Mit dem IS-Fußvolk und vor allem den Anhängern in Westeuropa hat das nicht allzu viel zu tun. Popkultur ist das Stichwort. Hier der Verweis auf zwei gute Berichte zum Thema:

„Beginnend mit Worten, endend mit Blut“: Nicht zu unterschätzende Rekrutierungsinstrumente sind, wie im Übrigen auch bei den Neonazis, die Musik und andere damit verbundene Elemente der Pop- und Jugendkulturen. … Dschihadisten-Propaganda und etliche Genres von Straßen- und Ghettokunst entsprechen einander formal. Aber welche subkutanen Regionen in der Bildsprache nebenbei adressiert werden, erschließt sich rasch, wenn man Männerbilder der Dschihad-Werbung und solche der Kosmetik- und Konsumwerbung nebeneinander legt. Die Männerbilder des Terrormagazins gleichen sich bis zur Beleuchtung an die grimmigen Models für Parfüm und Rasierwasser an. Oder verhält es sich umgekehrt?
Daher ist es für die Rekrutierung der Dschihadisten auch so bedeutend, die Aufnahme der jungen Leute über einen fließenden und offenen Dresscode zu regeln, und nicht mit einer extremen Uniformierung. Man verspricht die Verwandlung zugleich in den Krieger und das Model, eine der vielen Umwandlungen der Traumangebote der westlichen Kultur in blutige Realität.

Islam für Dummies – Mit diesem Buch ziehen Europas IS-Kämpfer in den Dschihad:“ „Nicht der Koran oder religiöse Lehren inspirieren die tödlichsten Terroristen heutzutage.“ Vielmehr suchten sie Respekt, Ruhm und weltweite Anerkennung. Die Möchtegern-Dschihadisten seien laut Atran „gelangweilte, arbeitslose, überqualifizierte und unbeeindruckte“ junge Männer, die im Heiligen Krieg ein neues Leben beginnen wollen. Ein deutscher LKA-Beamter kennt dieses Phänomen auch für Dschihadisten aus der Bundesrepublik. Im Interview mit FOCUS Online sagte er: Die jungen Männer „sind an Spaß übersättigt und sehnen sich nach einem festen Rahmen, der ihnen Halt bietet. Das verbindet sie mit den Rechtsradikalen.“ Außerdem gebe es noch die Abenteurer, die aus Langeweile einmal Krieg spielen möchten, und die „Mitläufer“, die einfach der Gruppendynamik folgen. Natürlich spielt Religion auch für sie eine Rolle, urteilt der Anthropologe Atran. Aber: Der Islam sei für sie nur ein „emotionales Vehikel“. Es kanalisiere den Ärger der jungen Männer.

Der gemeinsame Nenner ist, dass die Anhänger mit Religion zunächst nicht viel zu tun haben. Aus dem Gefühl heraus, abgehängt, ausgegrenzt, minderbemittelt zu sein, wird eine Struktur gesucht, die Anerkennung, Ziele, Gemeinsamkeit, Abenteuer verspricht. Und diese Sehnsucht bedient der IS recht geschickt.

Oder auch: Der dümmliche Loser in Sachsen wird Nazi-Skin (bzw. AfD-Wähler, wenn er schon im Rentenalter ist), der dümmliche Loser in den USA wird Gang-Mitglied. Der dümmliche Loser mit Migrationshintergrund wird Dschihadist oder Spontan-Attentäter. Einfach mal die Gemeinsamkeiten sehen.

All das hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben. Ziel einer sozialen Gesellschaft muss es unter anderem sein, möglichst vielen Mitgliedern ein Gefühl von Zugehörigkeit und Stabilität zu geben. Zum Beispiel, weil das eine Frage von Menschlichkeit ist, aber auch, weil man gerade hier deutlich sieht, welche Risiken entstehen.
Aber keine Gesellschaft hat das je zu 100% geschafft oder wird es zu 100% schaffen.
Der Unterschied ist heute nur, dass die instrumentalisierten dümmlichen Loser dank globaler Medienvernetzung immer schneller immer radikaler werden (können).

Will sagen, das Internet bringt die Jungs auf größere Ideen. Den abgehängten Algerier in den Pariser Banlieues hat es auch vor 20 Jahren schon gegeben. Damals hat er sich dem charismatischen und kühl kalkulierenden Drogenboss als Kanonenfutter angeschlossen, heute halt dem IS, weil öffentlichkeitswirksam.

Nun, man könnte das Internet abschaffen. Oder den IS uncool machen. Die Instrumente, derer der IS sich bedient, kann man auch gegen ihn verwenden. Das spricht die Zielgruppe viel eher an als eine Diskussion über den Islam. Versteht Frau May leider nicht.

 

  1. May-Punkt Nummer 2: „Rückzugsorte im Internet“

„Die Islamisten fänden zu viele ‚Rückzugsorte‘ im Internet, auch wegen ‚großer Firmen‘, die Internetdienstleistungen anböten.“

Gähn. Sollte die gute Frau May meinen, da _irgendwas_ dran ändern zu können, hat sie was nicht verstanden. Sagte da jemand #Neuland?

 

  1. May-Punkt Nummer 3: „Extremismus ausmerzen“

„Es gebe auch ‚viel zu viel Toleranz für Extremismus in unserem Land‘. Diesen müsse man in der Gesellschaft und im öffentlichen Sektor konsequenter identifizieren und ausmerzen. ‚Das wird schwieriger und oft unangenehmer Gespräche bedürfen‘.“

Da hat sie zur Hälfte Recht.

Die andere Hälfte ist im vorherigen Punkt gesagt. Wenn man in den „schwierigen und unangenehmen Gesprächen“ den radikalen Islam in den Mittelpunkt räumt, übersieht man, dass dieser, jener und welcher Extremismus gemeinsame Ursachen hat.

Wir drängen den radikalen Islam zurück, und die, die sich heute dafür erwärmen, schließen sich halt einer der Migranten-Rockergangs an, die nicht mal Harley fahren. Die spielen dann Krieg gegen die vergreisten Hells Angels, alteingesessene Libanesen-Clans oder sonstwen, und irgendwie ist nix anders.

Stopp – die öffentliche Wahrnehmung könnte anders sein. Medienhype und tatsächliche Opferzahlen irgendeiner Problematik waren noch nie linear verbunden. Es ist also durchaus plausibel anzunehmen, dass 10 Tote auf einer Brücke in London europaweit die Schlagzeilen beherrschen, aber 20 Tote bei einem Bandenkrieg in einer Banlieue komplett unter ferner liefen bleiben.

Dann hätte May hier ja fast zu 2/3 Recht. Für eine Premierministerin durchaus beachtlich.

 

  1. May-Punkt Nummer 4: „Terrorabwehr der Sicherheitskräfte überdenken und Freiheitsstrafen erhöhen“

Wie bereits oben gesagt – das klassische Repertoire mit starker Präsenz ist Placebo. Was funktionieren mag, ist intensives Profiling zur Früherkennung von typischen Mustern – da bin ich aber kein Experte und halte mich bedeckt.

Was ebenfalls funktionieren mag, sind verdeckte Ermittler und bezahlte V-Leute in den einschlägigen Szenen. Hierzu bedarf es (in Deutschland) weniger Bürokratie, weniger Datenschutzwahn, weniger geisteskranker Dienstvorschriften. Ich bin geneigt zu sagen: Was im Steuerrecht gut ist, kann für Sicherheitspolitik nicht schlecht sein.

Was die erhöhten Freiheitsstrafen angeht: Sechs, setzen. Hohe Strafen interessieren insbesondere Selbstmordattentäter eher weniger, bei der Amateurliga, die diesen Schritt nicht geht, erhöhen sie den Märtyrerfaktor und somit den Reiz des Spiels.

 

  1. Die Trumpfkarte: Abstumpfung der öffentlichen Wahrnehmung

Auf Spiegel online fanden sich am 04.06.2017 um  14:00 London-Artikel auf den Plätzen 1-8. Am 04.06 um 17:00 waren es noch die Plätze 1-5, und das keine 24 h nach dem Anschlag.

Während Reaktionen auf die ersten Pariser Anschläge oder den Lkw in Nizza noch meine Facebook-Timeline fluteten und vorübergehende Profilbilder mit „je suis was auch immer“ oder dem Eiffelturm-Peace-Hybriden quasi gesellschaftliche Pflicht waren, ist diesmal zu finden: Nichts.
(…was bei anderen schon anders sein wird. Rein subjektive Erhebung)

Gut so.

Jaja, ich weiß. Klingt erst mal zynisch, abgestumpft und so, als wenn man nichts tun könnte.

Ich sehe aber folgenden Aspekt: Terrorismus lebt von Aufmerksamkeit. Angst streuen und so. Diejenigen, die sagen „der islamische Terror sorgt dafür, dass wir unser Leben nicht mehr leben können, wie wir wollen“, sind gefährlicher als die Terroristen – was hoffentlich keiner weiteren Erklärung bedarf, sonst reiche ich die gerne nach.

Entziehen wir dem Terrorismus die Aufmerksamkeit, entziehen wir ihm die Attraktivität.

Die Sache hat zwei durchaus perverse Aspekte:

  1. Viele Halb-Tante-Ernas sehen diesen Zusammenhang nicht, sondern sind einfach so der ewig gleichen Meldungen überdrüssig. Dann doch lieber diskutieren, ob Helene Fischer ins Pokalfinale gehört. Reichweitenoptimierende Medien greifen das Thema dann nicht mehr auf, wenn ihre Leser es nicht mehr anklicken, weshalb es dann weniger populär platziert wird und dann noch weniger angeklickt wird usw. Die Klickzahlenanalyse und somit die Betrachtung von Werbeeinnahmen als Werkzeug gegen den IS.
  2. Es braucht noch mehr Tote, bevor das richtig greift. Verloren hat der Terrorismus, wenn sich Radio-Nachrichten 2018 etwa so anhören:
    „Heute Nachmittag werden es 24° C, gegen Abend kann es zu Gewittern kommen.
    Die Zahl der Anschlagstoten betrug heute sechs in insgesamt vier Anschlägen, alle Politiker riefen zum Kampf gegen den Terrorismus auf.
    Hier die Staus ab 10 km Länge….“

Ja ich weiß. Viel Blut bis dahin. Aber wie oben gesagt, kurzfristig können wir nichts tun. Der Satz „Terrorismus darf kein Alltag werden“ verführt zu gefährlichem Aktionismus. Er ist Alltag, und das wird sein größtes Problem.

Das mit entspannter Gelassenheit zu akzeptieren, ist das Gebot der Stunde.