Kategorie: Allgemein

Aller alltäglichen Dinge sind drei – Langeweile als Schlüssel der Terrorismusbekämpfung

Der dritte Terror-Anschlag in England binnen drei Monaten. Der zweite davon mittels eines banalen Autos. Das wiederum der keine-Ahnung-wievielte mit mehr oder weniger großen Autos in Westeuropa binnen der letzten 12 Monate.

In England kommt hinzu, dass bekanntlich in wenigen Tagen Parlamentswahl ist und dass nach dem Anschlag von Manchester allein aus wahlkampftaktischen Gründen die Polizeipräsenz extrem nach oben gefahren wurde.

Geholfen hat es nicht. Und Theresa May ruft spontan einen Vier-Punkte-Plan aus. Von dem allerdings dreieinhalb auch nicht helfen.

Positiv zu bewerten ist, dass – zumindest in meiner privaten Facebook-Umgebung – keine „I’m London“-Posts zu finden sind und niemand sein Profilbild mit einem Union-Jack-Overlay versehen hat.

Die Aspekte im Einzelnen:

 

  1. Anschläge wie diese(r) sind nicht zu verhindern. Also versucht es erst gar nicht.

Einzelne Maximalverwirrte schnappen sich einen Transporter oder einen Lkw und fahren in eine Menschenmenge. Das lässt sich nicht verhindern, auch nicht mit noch so viel Polizeiaufgebot. Wenn man um jeden Weihnachtsmarkt 150 Polizisten stellt, fahren die eben in einen Wochenmarkt. Und wenn man um jeden Wochenmarkt auch noch 150 Polizisten stellt, fahren die eben in einen Trödelmarkt. Und so weiter. Irgendwann stehen dann um jeden was-auch-immer-Markt Polizisten und die fahren einfach in eine islamfreundliche Demo.

Das ist nicht lustig. Das soll nicht verharmlosen. Aber es ist die nüchterne Wahrheit.

Insbesondere wenn es die Sorte Attentäter ist, die vor sechs Wochen noch nicht genau wusste, wie man Koran buchstabiert und sich überwiegend von Billig-Alkohol und Billig-Schweinefleisch ernährt hat, jetzt aber Ungläubige töten möchte, lässt sich auf der operativen Ebene kaum etwas verhindern.

Und Polizeistunden sind eine durchaus knappe Ressource. Lasst bitte die Polizisten etwas Sinnvolleres machen.

Das Problem hier wiederum ist die allgemeine Dummheit in Verbindung mit einem trügerischen Sicherheitsbedürfnis und politischer Taktik.
Wenn Politiker A sagt „wir schaffen Sicherheit vor Terroristen“ und Politiker B sagt „es gibt keine Sicherheit“, findet Tante Erna den Politiker A besser. Und dann geht Tante Erna auf den Weihnachtsmarkt und fühlt sich sicher, weil da ja ganz viel Polizei ist und ohne die Polizei bestimmt genau da eine Bombe hoch gegangen wäre.

Ich relativiere mich selbst ein wenig: Eventuell helfen die Polizisten auf den Weihnachtsmärkten gegen noch mehr Stimmen für AfD&Co.
Wenn Angela M. im Wahlkampf sagen würde „Es wird auch 2018 diverse Lkw-Attentate geben, egal was wir tun“, und Björn H. sagt „wir knallen alle Gefährder ab, dann gibt es keine Attentate mehr“, würden noch mehr Tante Ernas Nazis wählen.

Dumm nur, dass in England halt Wahlkampf ist und Frau May entsprechend so was sagen muss und bis Donnerstag jeder Polizist in England auf die Straße geschickt werden wird.

 

  1. May-Punkt Nummer 1: Islam vs. Islamismus

„Man müsse den islamistischen Extremismus, diese ‚Perversion des Islam und der Wahrheit‘ besiegen“, indem man die Gedanken der Menschen von dieser Ideologie abbringe.“

Islam ist – wie jede Religion – in erster Linie Volksverdummung und ein Werkzeug zur Etablierung von Herrschaftsstrukturen. Nicht lustig. IS Anführer Abu Bakr al-Baghdadi könnte auch durchaus ein Überzeugungstäter sein, zumindest ist zu lesen, er beansprucht ein direkter Nachfahre Mohammeds zu sein und habe Islamwissenschaften studiert. (Sollten hingegen die Gerüchte stimmen, er sei von der CIA instrumentalisiert – auch gut. Ändert nicht allzu viel)

Mit dem IS-Fußvolk und vor allem den Anhängern in Westeuropa hat das nicht allzu viel zu tun. Popkultur ist das Stichwort. Hier der Verweis auf zwei gute Berichte zum Thema:

„Beginnend mit Worten, endend mit Blut“: Nicht zu unterschätzende Rekrutierungsinstrumente sind, wie im Übrigen auch bei den Neonazis, die Musik und andere damit verbundene Elemente der Pop- und Jugendkulturen. … Dschihadisten-Propaganda und etliche Genres von Straßen- und Ghettokunst entsprechen einander formal. Aber welche subkutanen Regionen in der Bildsprache nebenbei adressiert werden, erschließt sich rasch, wenn man Männerbilder der Dschihad-Werbung und solche der Kosmetik- und Konsumwerbung nebeneinander legt. Die Männerbilder des Terrormagazins gleichen sich bis zur Beleuchtung an die grimmigen Models für Parfüm und Rasierwasser an. Oder verhält es sich umgekehrt?
Daher ist es für die Rekrutierung der Dschihadisten auch so bedeutend, die Aufnahme der jungen Leute über einen fließenden und offenen Dresscode zu regeln, und nicht mit einer extremen Uniformierung. Man verspricht die Verwandlung zugleich in den Krieger und das Model, eine der vielen Umwandlungen der Traumangebote der westlichen Kultur in blutige Realität.

Islam für Dummies – Mit diesem Buch ziehen Europas IS-Kämpfer in den Dschihad:“ „Nicht der Koran oder religiöse Lehren inspirieren die tödlichsten Terroristen heutzutage.“ Vielmehr suchten sie Respekt, Ruhm und weltweite Anerkennung. Die Möchtegern-Dschihadisten seien laut Atran „gelangweilte, arbeitslose, überqualifizierte und unbeeindruckte“ junge Männer, die im Heiligen Krieg ein neues Leben beginnen wollen. Ein deutscher LKA-Beamter kennt dieses Phänomen auch für Dschihadisten aus der Bundesrepublik. Im Interview mit FOCUS Online sagte er: Die jungen Männer „sind an Spaß übersättigt und sehnen sich nach einem festen Rahmen, der ihnen Halt bietet. Das verbindet sie mit den Rechtsradikalen.“ Außerdem gebe es noch die Abenteurer, die aus Langeweile einmal Krieg spielen möchten, und die „Mitläufer“, die einfach der Gruppendynamik folgen. Natürlich spielt Religion auch für sie eine Rolle, urteilt der Anthropologe Atran. Aber: Der Islam sei für sie nur ein „emotionales Vehikel“. Es kanalisiere den Ärger der jungen Männer.

Der gemeinsame Nenner ist, dass die Anhänger mit Religion zunächst nicht viel zu tun haben. Aus dem Gefühl heraus, abgehängt, ausgegrenzt, minderbemittelt zu sein, wird eine Struktur gesucht, die Anerkennung, Ziele, Gemeinsamkeit, Abenteuer verspricht. Und diese Sehnsucht bedient der IS recht geschickt.

Oder auch: Der dümmliche Loser in Sachsen wird Nazi-Skin (bzw. AfD-Wähler, wenn er schon im Rentenalter ist), der dümmliche Loser in den USA wird Gang-Mitglied. Der dümmliche Loser mit Migrationshintergrund wird Dschihadist oder Spontan-Attentäter. Einfach mal die Gemeinsamkeiten sehen.

All das hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben. Ziel einer sozialen Gesellschaft muss es unter anderem sein, möglichst vielen Mitgliedern ein Gefühl von Zugehörigkeit und Stabilität zu geben. Zum Beispiel, weil das eine Frage von Menschlichkeit ist, aber auch, weil man gerade hier deutlich sieht, welche Risiken entstehen.
Aber keine Gesellschaft hat das je zu 100% geschafft oder wird es zu 100% schaffen.
Der Unterschied ist heute nur, dass die instrumentalisierten dümmlichen Loser dank globaler Medienvernetzung immer schneller immer radikaler werden (können).

Will sagen, das Internet bringt die Jungs auf größere Ideen. Den abgehängten Algerier in den Pariser Banlieues hat es auch vor 20 Jahren schon gegeben. Damals hat er sich dem charismatischen und kühl kalkulierenden Drogenboss als Kanonenfutter angeschlossen, heute halt dem IS, weil öffentlichkeitswirksam.

Nun, man könnte das Internet abschaffen. Oder den IS uncool machen. Die Instrumente, derer der IS sich bedient, kann man auch gegen ihn verwenden. Das spricht die Zielgruppe viel eher an als eine Diskussion über den Islam. Versteht Frau May leider nicht.

 

  1. May-Punkt Nummer 2: „Rückzugsorte im Internet“

„Die Islamisten fänden zu viele ‚Rückzugsorte‘ im Internet, auch wegen ‚großer Firmen‘, die Internetdienstleistungen anböten.“

Gähn. Sollte die gute Frau May meinen, da _irgendwas_ dran ändern zu können, hat sie was nicht verstanden. Sagte da jemand #Neuland?

 

  1. May-Punkt Nummer 3: „Extremismus ausmerzen“

„Es gebe auch ‚viel zu viel Toleranz für Extremismus in unserem Land‘. Diesen müsse man in der Gesellschaft und im öffentlichen Sektor konsequenter identifizieren und ausmerzen. ‚Das wird schwieriger und oft unangenehmer Gespräche bedürfen‘.“

Da hat sie zur Hälfte Recht.

Die andere Hälfte ist im vorherigen Punkt gesagt. Wenn man in den „schwierigen und unangenehmen Gesprächen“ den radikalen Islam in den Mittelpunkt räumt, übersieht man, dass dieser, jener und welcher Extremismus gemeinsame Ursachen hat.

Wir drängen den radikalen Islam zurück, und die, die sich heute dafür erwärmen, schließen sich halt einer der Migranten-Rockergangs an, die nicht mal Harley fahren. Die spielen dann Krieg gegen die vergreisten Hells Angels, alteingesessene Libanesen-Clans oder sonstwen, und irgendwie ist nix anders.

Stopp – die öffentliche Wahrnehmung könnte anders sein. Medienhype und tatsächliche Opferzahlen irgendeiner Problematik waren noch nie linear verbunden. Es ist also durchaus plausibel anzunehmen, dass 10 Tote auf einer Brücke in London europaweit die Schlagzeilen beherrschen, aber 20 Tote bei einem Bandenkrieg in einer Banlieue komplett unter ferner liefen bleiben.

Dann hätte May hier ja fast zu 2/3 Recht. Für eine Premierministerin durchaus beachtlich.

 

  1. May-Punkt Nummer 4: „Terrorabwehr der Sicherheitskräfte überdenken und Freiheitsstrafen erhöhen“

Wie bereits oben gesagt – das klassische Repertoire mit starker Präsenz ist Placebo. Was funktionieren mag, ist intensives Profiling zur Früherkennung von typischen Mustern – da bin ich aber kein Experte und halte mich bedeckt.

Was ebenfalls funktionieren mag, sind verdeckte Ermittler und bezahlte V-Leute in den einschlägigen Szenen. Hierzu bedarf es (in Deutschland) weniger Bürokratie, weniger Datenschutzwahn, weniger geisteskranker Dienstvorschriften. Ich bin geneigt zu sagen: Was im Steuerrecht gut ist, kann für Sicherheitspolitik nicht schlecht sein.

Was die erhöhten Freiheitsstrafen angeht: Sechs, setzen. Hohe Strafen interessieren insbesondere Selbstmordattentäter eher weniger, bei der Amateurliga, die diesen Schritt nicht geht, erhöhen sie den Märtyrerfaktor und somit den Reiz des Spiels.

 

  1. Die Trumpfkarte: Abstumpfung der öffentlichen Wahrnehmung

Auf Spiegel online fanden sich am 04.06.2017 um  14:00 London-Artikel auf den Plätzen 1-8. Am 04.06 um 17:00 waren es noch die Plätze 1-5, und das keine 24 h nach dem Anschlag.

Während Reaktionen auf die ersten Pariser Anschläge oder den Lkw in Nizza noch meine Facebook-Timeline fluteten und vorübergehende Profilbilder mit „je suis was auch immer“ oder dem Eiffelturm-Peace-Hybriden quasi gesellschaftliche Pflicht waren, ist diesmal zu finden: Nichts.
(…was bei anderen schon anders sein wird. Rein subjektive Erhebung)

Gut so.

Jaja, ich weiß. Klingt erst mal zynisch, abgestumpft und so, als wenn man nichts tun könnte.

Ich sehe aber folgenden Aspekt: Terrorismus lebt von Aufmerksamkeit. Angst streuen und so. Diejenigen, die sagen „der islamische Terror sorgt dafür, dass wir unser Leben nicht mehr leben können, wie wir wollen“, sind gefährlicher als die Terroristen – was hoffentlich keiner weiteren Erklärung bedarf, sonst reiche ich die gerne nach.

Entziehen wir dem Terrorismus die Aufmerksamkeit, entziehen wir ihm die Attraktivität.

Die Sache hat zwei durchaus perverse Aspekte:

  1. Viele Halb-Tante-Ernas sehen diesen Zusammenhang nicht, sondern sind einfach so der ewig gleichen Meldungen überdrüssig. Dann doch lieber diskutieren, ob Helene Fischer ins Pokalfinale gehört. Reichweitenoptimierende Medien greifen das Thema dann nicht mehr auf, wenn ihre Leser es nicht mehr anklicken, weshalb es dann weniger populär platziert wird und dann noch weniger angeklickt wird usw. Die Klickzahlenanalyse und somit die Betrachtung von Werbeeinnahmen als Werkzeug gegen den IS.
  2. Es braucht noch mehr Tote, bevor das richtig greift. Verloren hat der Terrorismus, wenn sich Radio-Nachrichten 2018 etwa so anhören:
    „Heute Nachmittag werden es 24° C, gegen Abend kann es zu Gewittern kommen.
    Die Zahl der Anschlagstoten betrug heute sechs in insgesamt vier Anschlägen, alle Politiker riefen zum Kampf gegen den Terrorismus auf.
    Hier die Staus ab 10 km Länge….“

Ja ich weiß. Viel Blut bis dahin. Aber wie oben gesagt, kurzfristig können wir nichts tun. Der Satz „Terrorismus darf kein Alltag werden“ verführt zu gefährlichem Aktionismus. Er ist Alltag, und das wird sein größtes Problem.

Das mit entspannter Gelassenheit zu akzeptieren, ist das Gebot der Stunde.

 

 

Das Trump mit dem Bade ausschütten – oder warum Staaten natürlich wie Unternehmen geführt werden müssen

Seit rund drei Monaten ist Donald Trump jetzt Präsidentenpraktikant der USA.

Es sind zwei Dinge zu konstatieren:

  1. Er hat angekündigt – und ist von nicht wenigen deswegen gewählt worden – die USA wie sein Unternehmen zu führen.
  2. Er macht einen unglaublich schlechten Job – auch wenn das nicht überraschend kommt.

Daraus ziehen jetzt Menschen den unglaublichen Fehlschluss, man könne einen Staat nicht wie ein Unternehmen führen.

Angesichts von Staatsquoten, also dem Anteil staatlicher Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt, die im EU-Raum zwischen 38% und 58% liegen (wobei Deutschland mit 44% im europäischen Mittelfeld liegt), muss man auf diesen Gedanken erst einmal kommen.

Selbst in den USA mit einer Staatsquote von „nur“ 36% ist der Staat der bei weeeeeeeitem größte Player auf der wirtschaftlichen Bühne. Zum Vergleich: 2016 stehen 6.590 Milliarden US-Dollar Staatsausgaben einem Umsatz von 215 Milliarden US-Dollar von Apple gegenüber.
Und Apple ist derzeit nach Börsenwert gerechnet das wertvollste Unternehmen der Welt.

Also rund 30x so viel „Umsatz“ wie Apple – aber nicht wie ein Unternehmen zu führen? Wie soll das denn bitte begründet sein?

Schauen wir uns zu diesem Zweck ein Video an, das mit momentan 14 Millionen Aufrufen unverdient viral geht.
Blogger Nando Vila tut uns den Gefallen, alle Fehler, die sich in einschlägigen Beiträgen finden, in seinen Ausführungen zu vereinen und somit besonders offensichtlich widerlegbar zu sein.
Bedienungsanleitung: Video laufen lassen und diesen Artikel parallel lesen.

Blogger Nando Vila putting app. 25 mistakes into 2 minuteshttps://www.facebook.com/fusionmedianetwork/videos/1860159380676698/?pnref=storyThe problem with electing a CEO as president? The government isn’t a business –– and we shouldn’t run it like one.

 

Bei 0:32 „The goal of a business is to maximize profit, while the goal of a government in a democracy is to represent the will of its citizens and provide things like health care, security and infrastructure. These things are just not different, they are actually kind of the opposite”:

Natürlich nicht. Sie sind das gleiche. Die Aufgabe des Staates ist, seine Produkte – völlig richtige Beispiele sind Gesundheitswesen, öffentliche Sicherheit und Infrastruktur – zu so geringen Kosten (grob gesagt: Steuern) wie möglich zu produzieren. Also möglichst viel Output zu möglichst geringen Kosten, kann man auch nennen…. stimmt – Gewinnmaximierung. 

Man darf natürlich nicht den Gewinn des Staates als möglichst großen Haushaltsüberschuss definieren. Das wäre Unsinn.

Genauso wie es im Jahre 2017 nicht mehr ganz en vogue ist, nur den (kurzfristigen) Bilanzüberschuss als _die_ Profitmaximierung zu verstehen. Seit den 1980ern ist der etwas weitergehende Ansatz des Stakeholder Value Standardwissen in der Managementtheorie. Stakeholder value besagt grob vereinfacht, dass ein Unternehmen langfristig dann am sichersten und erfolgreichsten wirtschaftet, wenn es die Interessen aller in irgendeiner Form mit dem Unternehmen verbundenen Menschen und Gruppen berücksichtigt, wie Kunden, Lieferanten, Verbraucherverbände, Lieferanten, etc.
Klingt doch plötzlich viel näher an einem Staat dran, oder?
Und Stakeholder value hat sich in den Managementetagen herumgesprochen. Außer vielleicht bei einigen klotzblöden Amis, die panisch in Quartalen denken. Oder bei Herrn Vila.

 

Bei 0:40: „Just look at who’s supposed to be in charge. In democracies, the citizens are supposed to have the ultimate authority. In a corporation that authority lies with the owners and the CEO. ”

Ein signifikanter Anteil der größten Unternehmen sind Aktiengesellschaften mit einem großen Anteil Streubesitz. Dann haben – zumindest theoretisch – die Aktionäre die letztendliche Kontrolle und z.B. die Möglichkeit, einen CEO zu ersetzen.
Jetzt setzen wir mal Aktionäre = Bürger und schon passt das. Die haben die Möglichkeit, einen CEO = Präsident/Kanzler/Premierminister zu ersetzen.
Natürlich gibt es Unternehmen, die in privater Hand sind. Es gibt aber auch Länder, die keine Demokratien sind.
Natürlich laufen in großen AGs jede Menge Machtkämpfe hinter den Kulissen ab, und der Aktionärsversammlung (=Wahl) wird dann das Bild gemalt, das den Machtkampf gewonnen hat. Aber ob die westlichen Demokratien den Bürgerwillen immer so treubrav 1:1 umsetzen – nun, das würde hier etwas weit führen.
Für den Moment halten wir fest, dass wir mit Bürger = Aktionäre ein ganz brauchbares Modell haben.

 

Bei 0:54: „And corporations are entirely totalitarian institutions… but at the end of the day the owners and the CEO make the decisions and the employees follow orders.”

Natürlich. Der Mann hat ein recht einfach gestricktes Bild und vermutlich nie ein größeres Unternehmen von innen gesehen. Zwischen dem CEO und den „einfachen“ Mitarbeitern steht zunächst mal noch eine Managementetage, die durchaus eigene Ziele verfolgt. Einfach mal aus Spaß „Machtkampf Vorstand“ googlen. Gibt 138.000 Treffer und jeder einzelne ist amüsant.

Wenn wir einmal den Browser auf haben, googlen wir doch gleich noch mal „scheitern change management“. Unisono ist zu finden, dass jede Art von gravierender Veränderung im Unternehmen scheitert, wenn die Mitarbeiter nicht einbezogen und abgeholt werden, wenn die Gründe und Ziele von Veränderungen nicht ständig und intensiv kommuniziert werden, wenn es Quertreiber und (offene oder verdeckte) Widerstände gibt usw.
83.700 Treffer zu diesem Stichwort, aber „employees follow orders“. So ganz im tayloristischen Produktionsprozess des 19. Jahrhunderts sind wir in den meisten Firmen dann doch nicht mehr. Mitarbeiter können Vorgaben schon recht subtil untergraben.

 

Bei 1:07: „Compare that with how our government is supposed to work. We have the right to vote against, protest, and challenge our leaders. Even insult them publicly! … Try publicly calling your boss an ambassador from hell. You won’t be at that company for very long.”

Das ist die zweite falsche Rollenzuordnung. Der im Video erscheinende Mann, der Barack Obama einen Botschafter der Hölle schimpft, ist kein Regierungsmitarbeiter.
Der Bürger = Aktionär kann seinen Vorstandvorsitzenden beschimpfen. Seine Aktie (=Stimmrecht) kann ihm niemand wegnehmen.
Einem Regierungsmitarbeiter oder einem höheren Verwaltungsbeamten kann es in der Tat schlecht bekommen, seinen CEO = Präsident/Kanzler/Minister zu beleidigen. Genau wie im Unternehmen.

 

Bei 1:26: „The skills of a CEO and a political leader are almost diametrically opposed. A president has to build consensus, respond to public opinion and manage complex diplomatic relations. While a CEO, at the end of the day, just has to squeeze out as much profit as he can. If they don’t, they will be replaced.”

Größtenteils siehe oben. Etwas sehr primitiver Blick auf einen CEO. Der Job ist durchaus vielschichtiger, als Nando Vila sich das vorstellen mag. Und es sind auch schon CEOs trotz hervorragender Zahlen ersetzt worden, sagen wir aufgrund von Umweltskandalen, Skandalen mit Kinderarbeit in asiatischen Werken/Zulieferern, und was es da noch so gibt.
Das, was Vila als wichtige Qualifikation eines Politikers sieht, ist auch durchaus zentral für einen CEO.

 

Ab 1:50 folgt das Beispiel, dass der U.S. Postal Service Geld verliert, während die privaten Konkurrenten wie UPs, FedEx usw. Geld verdienen.
Vila trifft die Aussage „It’s not supposed to make money. The Postal Service is supposed to provide postal services to all citizens. For example, a private company like FedEx or UPS might not want to open an office in a poor, remote, underpopulated area like Hysham, Montana, because it’s not profitable. The U.S. Postal Service sets up shop there so that the good people of Hysham can send and receive mail. Because the government helps pay for it.“

Nun, in einer entlegenen Ecke wird sich auch so schnell kein Arzt ansiedeln. Ist es Aufgabe des Staates, eine staatliche Praxis zu eröffnen?
Es wird sich auch kein Anwalt dort niederlassen. Ist es Aufgabe des Staates, die Rechtsberatung der dortigen Bürger sicherzustellen?
Es wird auch kein <fill in the blanks> eröffnen. Wer – aus welchen Gründen auch immer – am Popo der Welt wohnt, hat Vorteile und Nachteile. Vorteil ist z.B. ein günstigerer Grundstückspreis. Nachteil sind weitere Wege. Zu allem.
Wieso soll da eigentlich das Postamt eine Ausnahme machen?
Davon ab, auch UPS und FedEx würden Lösungen finden. Z.B. dass Post im nächstgelegenen Supermarkt abgegeben oder abgeholt werden kann. Können sie sich in Deutschland abgucken. Da macht das ein Staatsunternehmen nämlich schon so.

 

Bei 2:31 „And if the U.S. Postal Service didn’t exist, UPS and FedEx wouldn’t have a counterweight to keep prices low enough that even people in Hysham can afford it.”

Äh. Schon mal was von Wettbewerb gehört?

 

Bei 2:39 „And the same goes for something like health care. If you run it like a business, that means prioritizing profits. If you run it like a government, that means prioritizing care and saving people’s lives. … Yet our market-based system costs more per citizen than any other developed system, while still leaving 20 million people uninsured.  But at least profits for our health insurance companies are doing pretty good.“

Wenn (was ich nicht geprüft habe) die Pro-Kopf-Kosten in den USA wirklich die höchsten sind, liegt natürlich ein Missstand vor. Vernünftige Rahmenbedingungen im Rahmen eines Krankenversicherungssystems beinhalten einen funktionierenden Wettbewerb zwischen den Krankenversicherungen und eine Versicherungspflicht für jeden, auch schwere Fälle, zu einem Basistarif.
Dann haben wir einen Konstruktionsfehler. Aber es ist naiv, deswegen zu glauben, bei einer(!) staatlichen Krankenversicherung würden sich Kostensenkungen ergeben.

(Mein Idealbild ist sowieso eine steuerfinanzierte Gesundheitsbasisversorgung, für Deutschland circa auf dem Level der heutigen gesetzlichen Krankenversicherung. Diese in einem System, in dem Ärzte und Krankenhäuser im Wettbewerb stehen; der Patient sucht sich aus, wo er hin geht, für bestimmte Leistungen werden feste Sätze aus dem Steuertopf gezahlt. Die einzelnen Kliniken versuchen Kosten zu senken (um ihren Profit zu maximieren), aber gute Leistungen zu bieten (weil der Patient sonst zum Wettbewerb geht). Alles darüber hinaus gehende wird über freiwillige private Zusatzversicherungen abgedeckt. Aber das nur am Rande.)

 

Was Vila komplett übersieht: Business heißt in allererster Linie Streben nach Effizienz und ständiger Entwicklung als Basis für langfristigen Erfolg. Und das würde auch dem öffentlichen Sektor mehr als gut tun.

Und was Vila noch viel mehr übersieht: Das, was Trump abliefert, ist nicht nur für einen Präsidenten Müll. Es wäre auch für einen CEO Müll.
Die Frage, die sich mir abschließend stellt, ist dann eine ganz andere: Wie ist der Mann mit den Skills an seine Milliarden gekommen?

Es wird Zeit, Leichen zu zählen

In München sind gestern bei einem (so der momentane Erkenntnisstand) Amoklauf neun Menschen getötet worden, mit dem Attentäter selbst sind es zehn Menschen.

Schaut man momentan auf die Top-Themen beliebiger Nachrichtenportale oder in Facebook, ist das Thema absolut vorherrschend. Es gibt jede Menge #prayfortheworld und sogar „Je suis Einkaufszentrum“.

Warum eigentlich?

In Deutschland gibt es pro Jahr rund 900.000 Sterbefälle. Das sind pro Tag rund 2.500 Sterbefälle. Mit anderen Worten, der Amoklauf von München hat die Zahl der Toten in Deutschland 2016 um 0,001% erhöht, sogar auf den Tag bezogen sind 99,6% der Todesfälle aus anderen Ursachen geschehen. Überträgt man diesen Gedanken auf das in der letzten Zeit mehrfach von Terroranschlägen oder Amokläufen getroffene Frankreich, sehen die Relationen ähnlich aus.

Jetzt könnte man sagen, Todesfälle durch Terror oder Amoklauf sind besonders grausam. Ja? Man kann zumindest sagen, dass es für die Opfer zumeist recht schnell geht – natürlich gibt es Schwerverletzte, die erst nach qualvoller Zeit im Krankenhaus sterben.

Stellen wir dem die Zahl der Selbstmorde gegenüber: Diese pendelt um die 10.000 pro Jahr in Deutschland, macht 28 pro Tag, rund gerechnet sind also gestern 3x mehr Menschen durch Suizid gestorben als beim Amoklauf in München.
Diesen Vergleich wähle ich, weil Suizid

  1. immer eine lange Leidensgeschichte hat.
  2. in den allermeisten Fällen verhindert werden könnte. Die Rede ist hier von Einsamkeit, Depression, Zukunftsangst usw. Wenn jemand sich das Leben nimmt, um die drei letzten Monate seiner Krebserkrankung abzukürzen, ist das etwas anderes.

Sprich, dem Sterben durch Selbstmord geht im Zweifelsfalle viel mehr Leid  voraus als dem Tod durch einen Amoklauf oder einen Anschlag. Die Zahl der Toten ist auch höher. Sehr viel höher. Täglich. Wo sind die Aufreger?

Durch Krankenhauskeime sterben in Deutschland je nach Schätzung und Quelle zwischen 6.000 und 15.000 Menschen pro Jahr, also wie viel mehr als durch o.a. Amoklauf, Nizza, Paris, Würzburg (da, zur Erinnerung: 0 Tote) zusammen – lassen wir das.

Jetzt mag man sagen, dass bewusst herbei geführter Tod sich nicht mit Unfällen oder Krankheiten vergleichen lässt. Das mag stimmen bzgl. des mathematisch korrekten, aber unglücklichen Beispiels, das man eher beim Essen ersticken kann, als einem Anschlag zum Opfer zu fallen.

Bezüglich Suizid oder Krankenhauskeimen ist es aber anders. Selbstmorde lassen sich verhindern durch Aufmerksamkeit für Menschen in der eigenen Umgebung oder höhere Budgets für unterstützende Einrichtungen.

Dass sich Krankenhauskeine verhindern lassen, zeigen mit Bravour die Niederlande. Genauer gesagt passiert hier seit Jahren ein Riesenskandal, der irgendwie keinen interessiert. Jedes Jahr das Tausendfache an Toten, aber kein #prayforpenicilin oder „Je suis Krankenhauskeim“. Bei hoher Vermeidbarkeit und langem Leiden für die Opfer.

Auf den Ausflug zu Kindern, die weltweit an Unterernährung sterben, verzichte ich.

Amokläufe lassen sich dagegen kaum verhindern. Hat es immer gegeben, wird es immer geben. Erinnert sich noch jemand an Winnenden? Ja? Wann war denn das, und wie viel Opfer gab es?

Aber selbst im Vergleich zu den „normalen“ Morden entfällt nur ein ganz kleiner Anteil auf sie, wobei die Zahl der Morde insgesamt übrigens seit Jahren rückläufig ist. Also so viel zu „es wird immer schlimmer“.

Mich erinnert das manchmal an das Jahr 2000. In Deutschland ist ein Kind durch einen Hund getötet worden. Nicht lustig, ebenso wenig wie das Schicksal der Toten im München jetzt.
Dieser Unfall führte zu einer gigantischen Diskussion, an deren Ende die sogenannte Rassenliste stand, nach der bestimmte Hunderassen nur mit verschiedenen Auflagen gehalten werden dürfen. Weder war im Jahr 2000 die Zahl der Hundeunfälle höher als in den Jahren zuvor, noch ist die Zahl der Hundeunfälle zurück gegangen, wenig überraschend alleine deswegen, weil die statistisch gefährlichsten Hunderassen, nämlich Schäferhund und Boxer, auf der Rasseliste gar nicht auftauchen. Aber es war ein Thema mit einer unheimlichen Medienpräsenz.

Ich werde es nie verstehen. Können die alle nicht rechnen? Oder haben die einschlägigen Rechtspopulisten mit dem Schlagwort der Lügenpresse recht, nur andersherum?
Während Pegida, AfD und Co. postulieren, dass die Lügenpresse über den islamistischen Terror und Verbrechen von Flüchtlingen nicht schreiben darf und sie kleingeschwiegen werden, komme ich zum entgegengesetzten Urteil: Die Mainstream-Medien geben dem Thema vielmehr einen Raum, den es überhaupt nicht verdient.

Aber es gibt Hoffnung. Seit mich der Blick in die Facebook-Startseite zu diesem Beitrag gebracht hat, sind etwa 2 h vorbei, und die Welle ist bereits deutlich zurückgegangen. Zudem hat sogar die Tagesschau ein Video mit einer ähnlichen Aussage veröffentlicht, bemerkenswert. Wenngleich die Kommentare deutlich zeigen, dass viele Zuschauer es nicht verstehen, trotzdem gut.

Wenn sich jetzt noch der Bundestrainer des deutschen Rollhockey-Teams am Sack kratzt und Facebook was neues hat, ist alles wieder gut. Denn das Beste, was Deutschland jetzt tun kann, ist: Nichts.

 

Wo der Dalai Lama irrt: Nur Egozentrik kann die Welt retten

Vorweg: Dieses Essay richtet sich nicht gegen den Dalai Lama generell. Von ihm sind sehr viele sehr gute Gedanken im Umlauf, für einen ursprünglich religiösen Führer wird geradezu erschreckend Vernünftiges kolportiert.

Ich bin mir aufgrund des Schwachsinnigkeitsfaktors des hier analysierten Zitats nicht mal sicher, ob es wirklich vom Dalai Lama stammt, konnte aber keine Belege für pro oder contra finden.

Es geht um den Satz „Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Arten“ vor diversen graphisch mehr oder weniger wertvollen Hintergründen auf Facebook, Pinterest, verschiedensten Blogs usw. zu finden.

Die Sache hat genau zwei grundlegende Probleme:

  1. Es wird in den Raum gestellt, dass erfolgreiche Menschen keine Friedensstifter oder Liebenden sein können, im Umkehrschluss, dass alle erfolgreichen Menschen „böse“ sind.
  2. Ein Friedensstifter, der erfolglos bleibt, stiftet keinen Frieden. Ein Erneuerer, der scheitert, erneuert nichts. Ein Geschichtenerzähler, dem keiner zuhört, verändert nichts.

Nehmen wir als Beispiel Mahatma Gandhi. Eine zurecht immer wieder angeführte Lichtgestalt für gewaltfreie politische Veränderungen. Er war maßgeblich daran beteiligt, Indien aus der englischen Kolonialherrschaft zu befreien. Klingt nach Erfolg, oder? Aber er war doch Friedensstifter und Erneuerer, oder? Seltsam.

Ähnliche Beispiele sind Nelson Mandela, Albert Schweitzer, Willy Brandt. Oder der Dalai Lama selber; er predigt Frieden und einen menschlichen Umgang miteinander, und seine Youtube-Videos haben eine beachtliche Reichweite. Mit anderen Worten, sein Erfolg gibt ihm die Möglichkeit, seine Überzeugung in die Köpfe anderer Menschen zu transportieren und so etwas zu bewegen.

Dies gesagt habend, ist es nur ein kleiner Schritt bis zu einer Erkenntnis, die für westliche Denkmuster zunächst ungewohnt klingt:

Wer die Welt retten will, braucht Egozentrik und Durchsetzungskraft.

Es ist eigentlich ganz einfach.
Du hast die richtige Idee, um „die Welt zu retten“? (<- was auch immer das im Einzelfall heißen mag, hier als Synonym für eine Veränderung, die mit Frieden, Menschlichkeit, Umweltschutz, usw. zu tun hat).
Klasse Sache. Bringt aber nur was, wenn die Idee auch umgesetzt wird, sonst bleibt es Gelaber.

Ab da ergeben sich zwei Probleme:

  1. Du wirst die Welt nicht alleine retten. Egal was es ist, du brauchst Menschen, die dir zuarbeiten. Also musst du dich hinstellen und sagen „Wenn wir dieses oder jenes Ziel erreichen wollen, müsst ihr alle tun, was ich euch sage“. Zum Beispiel wie Mahatma Gandhi 24 Tage lang mit einer großen Zahl Menschen hinter sich durch 385 km durch Indien marschieren und anschließend einen ganzen Subkontinent auffordern, es ihm gleichzutun und gegen das englische Salzmonopol-Gesetz zu verstoßen.
    Da steckt drin „Meine Idee ist die richtige, und wenn alle tun, was ich sage, wird die Welt ein besserer Ort.“ Das ist pure Egozentrik.
  2. Deine Idee, die Welt zu retten, steht im Wettbewerb mit ganz vielen anderen Ideen.
    Dies sagt zunächst gar nichts über die anderen Ideen aus. Das können andere gut gemeinte Ideen für die Weltrettung sein, die aber nicht so gut funktionieren wie deine und deshalb in der Schublade bleiben müssen (…womit wir wieder bei der Egozentrik sind), das können auch die Ideen von bösen Konzernen, potentiellen Diktatoren und ähnlichen Feindbildern sein. Das ist tatsächlich egal.
    Es bleibt nämlich so oder so über, dass es mehr Ideen als Umsetzungen gibt, die meisten Ideen bleiben nur Ideen.
    Es war Mahatma Gandhi selbst, der die Verhandlungen mit den Engländern geführt hat, damit seine Vorstellungen eines gerechten Staats auch Gesetz werden. Er hat niemand anderem die Verhandlungsführung überlassen, weil er an seine Ideen geglaubt hat und sich selbst für den besten Verhandlungsführer gehalten hat.
    Also geh raus und sehe zu, dass DEINE Idee Wirklichkeit wird. Setze sie durch. Dazu brauchst du Kraft. Durchsetzungskraft.

Ist doch alles ganz einfach. Aber warum ist es dann wie gesagt für westliche Denkmuster so ungewohnt? Erneut sind es zwei Probleme:

  1. Das kleinere Problem ist, dass häufig die Begriffe Egoismus und Egozentrik durcheinander geworfen werden. Hierzu gibt es tonnenweise psychologische und philosophische Definitionen, brechen wir diese für den gegebenen Zusammenhang auf folgenden Kern herunter:
    Egoismus fokussiert auf eigene Ziele, stellt den eigenen Vorteil über den Vorteil anderer.
    Egozentrik stellt das eigene Denken und Handeln in den Mittelpunkt. Das spannende Element hier ist, dass dies _nichts_ darüber aussagt, welche Ziele verfolgt werden, aber fast jeder reflexhaft Egozentrik mit „bösen“ Zielen gleichsetzt.
  2. Das größere Problem ist, dass hier trotz aller Aufgeklärtheit und rückläufiger Mitgliederzahlen der Kirchen noch Altlasten unserer christlich versauten Kultur unterwegs sind.
    Das hier gesagte steht im Widerspruch zu Pseudowerten wie Demut und Bescheidenheit, die Kirchenfürsten ihren Schäfchen verkaufen (…und selbst natürlich etwas völlig anderes machen, aber das ist ein anderes Thema). Wenn die Ersten die Letzten sein werden, ist Mahatma Gandhi im Himmel ganz hinten, bei seinem Salzmarsch ist er nämlich vorne gelaufen. Nelson Mandela war Premierminister, also Nummer eins, eines größeren Landes. Wohl auch im Himmel ganz hinten.
    Wer sich hat einreden lassen, dass nur kleine, leise, bescheidene Menschen gute Menschen sind, überlässt das Feld den anderen. Und es ist in diesem Essay bislang nicht gesagt worden, da völlig selbstverständlich: Natürlich gibt es eine Menge erfolgreiche Menschen, die sich lediglich die rücksichtslose Vermehrung des eigenen Vermögens als Ziel gesetzt haben.

Natürlich braucht die Welt Friedensstifter und Erneuerer. Sie braucht erfolgreiche Friedensstifter und Erneuerer. Erfolgreichere Geschichtenerzähler als die Erfolgreichen, an die die vermutlich alle denken, die immer wieder das besagte Dalai-Lama-Zitat posten.

 

Wrestling für die Quote!

Einmal mehr kann der Westen von der tiefen Weisheit fernöstlicher Philosophie lernen.

Seit geraumer Zeit tobt in Deutschland die Diskussion, ob für Vorstände von Unternehmen ab einer bestimmten Größe eine Mindestanzahl an Frauen vorgeschrieben werden soll, Verweise und Belege schenke ich mir an dieser Stelle.
Die eine Seite des Grabens schreit „Gleichberechtigung“ und ist dafür, die andere Seite des Grabens schreit „Bevormundung“. Die Minderheit real existierender Vorständinnen ist zumeist auch dagegen, weil sie die Gefahr sieht, dass alle erfolgreichen Weibchen automatisch als Quotentussi angesehen werden.

Und dann das:

Ladybeard: Bärtiger Mann Sieger in Japans Frauenwrestling

Ladybeard: Bärtiger Mann Sieger in Japans Frauenwrestlinghttp://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/ladybeard-baertiger-mann-sieger-in-japans-frauenwrestling/10121104.htmlEin Crossdresser aus Australien ist in Japan Champion im Frauenwrestling geworden. Ladybeard nimmt die klassischen Geschlechterrollen aufs Korn und trifft damit den Nerv vieler…

Man(n) muss sich also nicht mehr den Schwanz abschneiden, um in der Frauenliga starten zu dürfen. Die japanischen Wrestlerinnen beweisen – es genügt, Frauenkleider zu tragen.

Und es liegt auf der Hand, dass es einen (gleichfalls nicht abgeschnittenen) Sack voller Probleme löst, wenn wir diesen Gedanken auf das deutsche Quotenthema übertragen, die verpflichtende Frauenquote einführen und dabei Crossdresser in DAX-Vorständen als Frau werten:

  • Männer, bei denen es bislang nicht für Vorstand gereicht hat, entdecken ihre Crossdresser-Identität und verbessern ihre Chancen  auf einen Karrieresprung, da sie zukünftig quotentechnisch als Frau gezählt werden.
  • Die Karriere-Frauen, die gegen die Frauenquote sind, können ihren Protest beruhigt einstellen, da sich ja jede Quotentussi gegen Crossdresser und somit gegen Männer im harten Wettbewerb behauptet hat.
  • Die Feministinnen-Fraktion wird es nicht wagen zu protestieren aus Angst, von den üblichen politcal-correctness-Verdächtigen als homophob gebrandmarkt zu werden.
  • Dumpf-gestrige Vorstände, die tatsächlich Frauen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligen, nehmen dann doch lieber Frauen als Crossdresser, womit wir dann die Frauenquote in der veralteten Crossdresser-diskriminierenden Version hochtreiben.

Wem dieses Vorgehen zu profan erscheint, für den gibt es optional den Quotencrossdresser 2.0: Ein Mann, der sich als eine Frau fühlt, die gerne Männerkleidung trägt. Mit der Betonung auf „ich fühle mich als Frau“ haben wir dann einen Männerkleidung tragenden Mann, der auf die Frauenquote angerechnet wird. Und es wäre nicht politisch korrekt, das albern zu finden.

Schön, dass das Leben so einfach ist.