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Gegen Nestlé und gegen gut – ein unterirdisches Netzfrauen-Ding wird viel zu oft geteilt

In meiner Facebook-Timeline taucht seit Tagen ständig ein Beitrag der Netzfrauen auf. „Trotz Dürre-Katastrophe – Nestlé pumpt 50.000 Liter pro Stunde Wasser aus Äthiopiens Boden und baut die Milchwirtschaft aus“ lautet die Überschrift.

Ok, Nestlé ist böse, das ist gegen Nestlé, und dann kann man das teilen, vermutlich ohne es gelesen zu haben.
Besser ist das. Denn: Wenn man es liest, müsste man sich geringfügig aufregen. Oder doof sein.

Ich habe es gelesen. War ein Fehler. Klarer Fall von Pseudo-Journalismus übelster Qualität. Im Einzelnen:

  • Die Dürrekatastrophe ist ein riesiges Problem im Osten Äthiopiens. Zitat des Artikels: „In der äthiopischen Somali-Region haben viele Nomaden ihre Herden verloren. Menschen leiden Hunger, und was diese Menschen dringend brauchen, ist Trinkwasser. “ Traurig genug. Aber das Nestlé-Werk liegt in Sululta, das ist nördlich von Addis Abeba, und somit nicht in der Somali-Region. Google Maps ist dein Freund.
  • Es stimmt zwar – wie der Artikel sagt -, dass in Sululta vier Monate des Jahres sehr wenig Niederschlag fällt, in der Summe eines Jahres gibt es aber mit 1119 mm/qm eine Niederschlagsmenge auf deutschem Niveau. Und die ist für das Grundwasser entscheidend. Kann man hier nachlesen https://de.climate-data.org/location/54040/
  • Es wird ausgesagt, dass Nestlé 50.000 L/h abpumpt, „mehr als die Hälfte dessen, was der Regierung für ihre Bevölkerung zur Verfügung steht.“. Dies mit Bezug auf einen Artikel des Guardian. Liest man diesen (sehr guten!) Artikel, findet sich auch dort die Aussage „its capacity is more than half that of the local government”. Es wird aber die Begründung gegeben, dass eine inkompetente und korrupte Regierung einfach zu wenig Pumpenkapazitäten aufgebaut hat.
  • Das heißt, dass das Nestlé-Werk nicht den Regierungspumpen Wasser wegnimmt, sondern deren Kapazitäten ergänzt. Und die zur Verfügung stehende Grundwassermenge sei keinesfalls ein Problem – Zitat aus dem gleichen Guardian-Artikel: „“There’s water everywhere. The only problem is the government’s willingness,” says a manager at another company, Classy Water.“ Das wurde leider bei den Netzfrauen nicht zitiert.
  • Dort ist weiterhin zu lesen, dass derzeit fünf Wasserfabriken in Sululta produzieren – auf den anderen vieren wird aus unklarem Grund nicht herumgeprügelt.
  • Die 50.000 L/h wurden übrigens schon abgepumpt, bevor Nestlé sich 2016 an einem existierenden lokalen Anbieter beteiligt hat. Bislang hat es keine Kapazitätserweiterungen gegeben. Aber wenn ein lokaler Anbieter Wasser produziert, ist das vermutlich weniger verwerflich. Oder so.

Recht amüsant ist die Aussage „Flaschenwasser können sich die Menschen nicht leisten. So dursten sie weiter, obwohl sie eine Fabrik für Wasser in ihrer Region haben.“
Nun, ist Nestlé nicht gnadenlos profitgeil, oder wie war das?
Dann ist nicht davon auszugehen, dass Nestlé pro Stunde 50.000 unverkäufliche Flaschen abfüllt, oder? Da wäre nämlich gar kein grauslich hoher Profit zu machen.
Sehen wir davon ab, dass es ja noch die verschwiegenen anderen vier Wasserfabriken gibt. Aber deren Produkte kann sich vermutlich auch keiner leisten.

Noch ein Wort zum in der Überschrift angeführten Ausbau der Milchwirtschaft. Wenn man sich weit genug nach unten gescrollt hat, findet man unter der Zwischenüberschrift „Nestlé baut Milchsektor in Äthiopien aus“ einen Verweis auf einen Artikel auf 2merkato.com. Liest man diesen, findet man faszinierenderweise die Aussage, dass es die Pläne gibt, „however, final decision for the investment has not yet been made.“ Als Grund wird angeben, dass erreichbare Verfügbarkeit, Qualität und Gesundheitsstandards den Ansprüchen von Nestlé nicht ausreichen.
Das bitte nochmal mit der Gesamtüberschrift des Artikels vergleichen.

Reicht. Es gibt noch wesentlich mehr Widersprüche, Polemik und reißerische Kombinationen von Ereignissen, die nicht wirklich miteinander zu tun haben. Lassen wir es aber gut sein.

Nestlé ist kein Sozialwerk. Und es ist nicht lusig, dass die Bevölkerung von Sululta eingeschränkten Zugang zu sauberem Wasser hat.
Aber hier liefert ein Faktencheck das Resultat, dass das Problem ist Sululta nicht Nestlé ist, sondern eine Regierung, die ihren Job nicht macht – nämlich den massiven Ausbau von Wasserleitungen und –anschlüssen.
Nestlé springt in die Bresche und verkauft Flaschenwasser, was schon mal besser ist als gar kein Wasser (und besser, als mit dem Kanister weit fahren zu müssen).
Und nochmal, in DER Gegend gibt es schlicht keinen Wassermangel. Nestlé nimmt niemandem etwas weg.

Aber damit lassen sich wohl keine Klicks erzielen, somit keine Werbeeinnahmen und keine Spenden.
Dies alles gedacht habend, schnelle Recherche zu den Netzfrauen im Allgemeinen. Schön, dass ich nicht der Einzige bin, dem das Niveau der Artikel dieses Portals aufgefallen ist.
Und ich schreibe das hier sowieso nur, weil ich noch klickgeiler bin als die Netzfrauen und mir auch den Streisand-Effekt zunutze machen möchte.

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