Es wird Zeit, Leichen zu zählen

In München sind gestern bei einem (so der momentane Erkenntnisstand) Amoklauf neun Menschen getötet worden, mit dem Attentäter selbst sind es zehn Menschen.

Schaut man momentan auf die Top-Themen beliebiger Nachrichtenportale oder in Facebook, ist das Thema absolut vorherrschend. Es gibt jede Menge #prayfortheworld und sogar „Je suis Einkaufszentrum“.

Warum eigentlich?

In Deutschland gibt es pro Jahr rund 900.000 Sterbefälle. Das sind pro Tag rund 2.500 Sterbefälle. Mit anderen Worten, der Amoklauf von München hat die Zahl der Toten in Deutschland 2016 um 0,001% erhöht, sogar auf den Tag bezogen sind 99,6% der Todesfälle aus anderen Ursachen geschehen. Überträgt man diesen Gedanken auf das in der letzten Zeit mehrfach von Terroranschlägen oder Amokläufen getroffene Frankreich, sehen die Relationen ähnlich aus.

Jetzt könnte man sagen, Todesfälle durch Terror oder Amoklauf sind besonders grausam. Ja? Man kann zumindest sagen, dass es für die Opfer zumeist recht schnell geht – natürlich gibt es Schwerverletzte, die erst nach qualvoller Zeit im Krankenhaus sterben.

Stellen wir dem die Zahl der Selbstmorde gegenüber: Diese pendelt um die 10.000 pro Jahr in Deutschland, macht 28 pro Tag, rund gerechnet sind also gestern 3x mehr Menschen durch Suizid gestorben als beim Amoklauf in München.
Diesen Vergleich wähle ich, weil Suizid

  1. immer eine lange Leidensgeschichte hat.
  2. in den allermeisten Fällen verhindert werden könnte. Die Rede ist hier von Einsamkeit, Depression, Zukunftsangst usw. Wenn jemand sich das Leben nimmt, um die drei letzten Monate seiner Krebserkrankung abzukürzen, ist das etwas anderes.

Sprich, dem Sterben durch Selbstmord geht im Zweifelsfalle viel mehr Leid  voraus als dem Tod durch einen Amoklauf oder einen Anschlag. Die Zahl der Toten ist auch höher. Sehr viel höher. Täglich. Wo sind die Aufreger?

Durch Krankenhauskeime sterben in Deutschland je nach Schätzung und Quelle zwischen 6.000 und 15.000 Menschen pro Jahr, also wie viel mehr als durch o.a. Amoklauf, Nizza, Paris, Würzburg (da, zur Erinnerung: 0 Tote) zusammen – lassen wir das.

Jetzt mag man sagen, dass bewusst herbei geführter Tod sich nicht mit Unfällen oder Krankheiten vergleichen lässt. Das mag stimmen bzgl. des mathematisch korrekten, aber unglücklichen Beispiels, das man eher beim Essen ersticken kann, als einem Anschlag zum Opfer zu fallen.

Bezüglich Suizid oder Krankenhauskeimen ist es aber anders. Selbstmorde lassen sich verhindern durch Aufmerksamkeit für Menschen in der eigenen Umgebung oder höhere Budgets für unterstützende Einrichtungen.

Dass sich Krankenhauskeine verhindern lassen, zeigen mit Bravour die Niederlande. Genauer gesagt passiert hier seit Jahren ein Riesenskandal, der irgendwie keinen interessiert. Jedes Jahr das Tausendfache an Toten, aber kein #prayforpenicilin oder „Je suis Krankenhauskeim“. Bei hoher Vermeidbarkeit und langem Leiden für die Opfer.

Auf den Ausflug zu Kindern, die weltweit an Unterernährung sterben, verzichte ich.

Amokläufe lassen sich dagegen kaum verhindern. Hat es immer gegeben, wird es immer geben. Erinnert sich noch jemand an Winnenden? Ja? Wann war denn das, und wie viel Opfer gab es?

Aber selbst im Vergleich zu den „normalen“ Morden entfällt nur ein ganz kleiner Anteil auf sie, wobei die Zahl der Morde insgesamt übrigens seit Jahren rückläufig ist. Also so viel zu „es wird immer schlimmer“.

Mich erinnert das manchmal an das Jahr 2000. In Deutschland ist ein Kind durch einen Hund getötet worden. Nicht lustig, ebenso wenig wie das Schicksal der Toten im München jetzt.
Dieser Unfall führte zu einer gigantischen Diskussion, an deren Ende die sogenannte Rassenliste stand, nach der bestimmte Hunderassen nur mit verschiedenen Auflagen gehalten werden dürfen. Weder war im Jahr 2000 die Zahl der Hundeunfälle höher als in den Jahren zuvor, noch ist die Zahl der Hundeunfälle zurück gegangen, wenig überraschend alleine deswegen, weil die statistisch gefährlichsten Hunderassen, nämlich Schäferhund und Boxer, auf der Rasseliste gar nicht auftauchen. Aber es war ein Thema mit einer unheimlichen Medienpräsenz.

Ich werde es nie verstehen. Können die alle nicht rechnen? Oder haben die einschlägigen Rechtspopulisten mit dem Schlagwort der Lügenpresse recht, nur andersherum?
Während Pegida, AfD und Co. postulieren, dass die Lügenpresse über den islamistischen Terror und Verbrechen von Flüchtlingen nicht schreiben darf und sie kleingeschwiegen werden, komme ich zum entgegengesetzten Urteil: Die Mainstream-Medien geben dem Thema vielmehr einen Raum, den es überhaupt nicht verdient.

Aber es gibt Hoffnung. Seit mich der Blick in die Facebook-Startseite zu diesem Beitrag gebracht hat, sind etwa 2 h vorbei, und die Welle ist bereits deutlich zurückgegangen. Zudem hat sogar die Tagesschau ein Video mit einer ähnlichen Aussage veröffentlicht, bemerkenswert. Wenngleich die Kommentare deutlich zeigen, dass viele Zuschauer es nicht verstehen, trotzdem gut.

Wenn sich jetzt noch der Bundestrainer des deutschen Rollhockey-Teams am Sack kratzt und Facebook was neues hat, ist alles wieder gut. Denn das Beste, was Deutschland jetzt tun kann, ist: Nichts.

 

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