Wo der Dalai Lama irrt: Nur Egozentrik kann die Welt retten

Vorweg: Dieses Essay richtet sich nicht gegen den Dalai Lama generell. Von ihm sind sehr viele sehr gute Gedanken im Umlauf, für einen ursprünglich religiösen Führer wird geradezu erschreckend Vernünftiges kolportiert.

Ich bin mir aufgrund des Schwachsinnigkeitsfaktors des hier analysierten Zitats nicht mal sicher, ob es wirklich vom Dalai Lama stammt, konnte aber keine Belege für pro oder contra finden.

Es geht um den Satz „Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Arten“ vor diversen graphisch mehr oder weniger wertvollen Hintergründen auf Facebook, Pinterest, verschiedensten Blogs usw. zu finden.

Die Sache hat genau zwei grundlegende Probleme:

  1. Es wird in den Raum gestellt, dass erfolgreiche Menschen keine Friedensstifter oder Liebenden sein können, im Umkehrschluss, dass alle erfolgreichen Menschen „böse“ sind.
  2. Ein Friedensstifter, der erfolglos bleibt, stiftet keinen Frieden. Ein Erneuerer, der scheitert, erneuert nichts. Ein Geschichtenerzähler, dem keiner zuhört, verändert nichts.

Nehmen wir als Beispiel Mahatma Gandhi. Eine zurecht immer wieder angeführte Lichtgestalt für gewaltfreie politische Veränderungen. Er war maßgeblich daran beteiligt, Indien aus der englischen Kolonialherrschaft zu befreien. Klingt nach Erfolg, oder? Aber er war doch Friedensstifter und Erneuerer, oder? Seltsam.

Ähnliche Beispiele sind Nelson Mandela, Albert Schweitzer, Willy Brandt. Oder der Dalai Lama selber; er predigt Frieden und einen menschlichen Umgang miteinander, und seine Youtube-Videos haben eine beachtliche Reichweite. Mit anderen Worten, sein Erfolg gibt ihm die Möglichkeit, seine Überzeugung in die Köpfe anderer Menschen zu transportieren und so etwas zu bewegen.

Dies gesagt habend, ist es nur ein kleiner Schritt bis zu einer Erkenntnis, die für westliche Denkmuster zunächst ungewohnt klingt:

Wer die Welt retten will, braucht Egozentrik und Durchsetzungskraft.

Es ist eigentlich ganz einfach.
Du hast die richtige Idee, um „die Welt zu retten“? (<- was auch immer das im Einzelfall heißen mag, hier als Synonym für eine Veränderung, die mit Frieden, Menschlichkeit, Umweltschutz, usw. zu tun hat).
Klasse Sache. Bringt aber nur was, wenn die Idee auch umgesetzt wird, sonst bleibt es Gelaber.

Ab da ergeben sich zwei Probleme:

  1. Du wirst die Welt nicht alleine retten. Egal was es ist, du brauchst Menschen, die dir zuarbeiten. Also musst du dich hinstellen und sagen „Wenn wir dieses oder jenes Ziel erreichen wollen, müsst ihr alle tun, was ich euch sage“. Zum Beispiel wie Mahatma Gandhi 24 Tage lang mit einer großen Zahl Menschen hinter sich durch 385 km durch Indien marschieren und anschließend einen ganzen Subkontinent auffordern, es ihm gleichzutun und gegen das englische Salzmonopol-Gesetz zu verstoßen.
    Da steckt drin „Meine Idee ist die richtige, und wenn alle tun, was ich sage, wird die Welt ein besserer Ort.“ Das ist pure Egozentrik.
  2. Deine Idee, die Welt zu retten, steht im Wettbewerb mit ganz vielen anderen Ideen.
    Dies sagt zunächst gar nichts über die anderen Ideen aus. Das können andere gut gemeinte Ideen für die Weltrettung sein, die aber nicht so gut funktionieren wie deine und deshalb in der Schublade bleiben müssen (…womit wir wieder bei der Egozentrik sind), das können auch die Ideen von bösen Konzernen, potentiellen Diktatoren und ähnlichen Feindbildern sein. Das ist tatsächlich egal.
    Es bleibt nämlich so oder so über, dass es mehr Ideen als Umsetzungen gibt, die meisten Ideen bleiben nur Ideen.
    Es war Mahatma Gandhi selbst, der die Verhandlungen mit den Engländern geführt hat, damit seine Vorstellungen eines gerechten Staats auch Gesetz werden. Er hat niemand anderem die Verhandlungsführung überlassen, weil er an seine Ideen geglaubt hat und sich selbst für den besten Verhandlungsführer gehalten hat.
    Also geh raus und sehe zu, dass DEINE Idee Wirklichkeit wird. Setze sie durch. Dazu brauchst du Kraft. Durchsetzungskraft.

Ist doch alles ganz einfach. Aber warum ist es dann wie gesagt für westliche Denkmuster so ungewohnt? Erneut sind es zwei Probleme:

  1. Das kleinere Problem ist, dass häufig die Begriffe Egoismus und Egozentrik durcheinander geworfen werden. Hierzu gibt es tonnenweise psychologische und philosophische Definitionen, brechen wir diese für den gegebenen Zusammenhang auf folgenden Kern herunter:
    Egoismus fokussiert auf eigene Ziele, stellt den eigenen Vorteil über den Vorteil anderer.
    Egozentrik stellt das eigene Denken und Handeln in den Mittelpunkt. Das spannende Element hier ist, dass dies _nichts_ darüber aussagt, welche Ziele verfolgt werden, aber fast jeder reflexhaft Egozentrik mit „bösen“ Zielen gleichsetzt.
  2. Das größere Problem ist, dass hier trotz aller Aufgeklärtheit und rückläufiger Mitgliederzahlen der Kirchen noch Altlasten unserer christlich versauten Kultur unterwegs sind.
    Das hier gesagte steht im Widerspruch zu Pseudowerten wie Demut und Bescheidenheit, die Kirchenfürsten ihren Schäfchen verkaufen (…und selbst natürlich etwas völlig anderes machen, aber das ist ein anderes Thema). Wenn die Ersten die Letzten sein werden, ist Mahatma Gandhi im Himmel ganz hinten, bei seinem Salzmarsch ist er nämlich vorne gelaufen. Nelson Mandela war Premierminister, also Nummer eins, eines größeren Landes. Wohl auch im Himmel ganz hinten.
    Wer sich hat einreden lassen, dass nur kleine, leise, bescheidene Menschen gute Menschen sind, überlässt das Feld den anderen. Und es ist in diesem Essay bislang nicht gesagt worden, da völlig selbstverständlich: Natürlich gibt es eine Menge erfolgreiche Menschen, die sich lediglich die rücksichtslose Vermehrung des eigenen Vermögens als Ziel gesetzt haben.

Natürlich braucht die Welt Friedensstifter und Erneuerer. Sie braucht erfolgreiche Friedensstifter und Erneuerer. Erfolgreichere Geschichtenerzähler als die Erfolgreichen, an die die vermutlich alle denken, die immer wieder das besagte Dalai-Lama-Zitat posten.

 

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