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Shadowplay: Der interaktive Datenschatten eines hochqualifizierten Netzpolitikers

Malte Spitz ist Mitglied im NRW-Landesvorstand der Grünen. Und er hat einen Schatten.

So weit nicht ungewöhnliches, mag man denken, das ist ja bei Politikern eher die Regel als die Ausnahme. Der Unterschied: Malte Spitz hat aus seinem Schatten eine interaktive Infographik erstellt.

Weil: Malte Spitz hat außerdem ein Buch geschrieben, und dafür macht er jetzt Werbung. Es geht um Datenschutz, das heißt, es wird sich gut verkaufen.

Der Datenschatten zeigt die Ergebnisse von Anfragen an, welche Daten von Malte Spitz bei welchen Unternehmen gespeichert sind. Das sind ganz schön viele. Und weil es ja interaktiv ist, kann man herumklicken und sieht, dass Malte Spitz am 16.07.2012 bei Amazon eine Nähmaschine bestellt hat.

Datenschutz: Der Datenschatten von Malte Spitz - SPIEGEL ONLINE

Datenschutz: Der Datenschatten von Malte Spitz – SPIEGEL ONLINEhttp://www.spiegel.de/netzwelt/web/datenschutz-der-datenschatten-von-malte-spitz-a-999554.htmlDiese Infografik hat es in sich: Der Politiker Malte Spitz hat bei Firmen und Behörden nach seinen Daten gefragt. Das Ergebnis ist erschreckend.

 

Malte Spitz wünscht sich deswegen, „dass jeder Mensch selbst frei entscheiden kann, ob und wie seine Daten gespeichert, verarbeitet und weitergegeben werden. Außerdem fordert er den Gesetzgeber auf, Datenmonopole und die Konzentration von Daten in den Händen weniger zu verbieten.“

Das ist verständlich. Nicht nur, dass Amazon weiß, dass er am 16.07.2012 eine Nähmaschine gekauft hat, Amazon weiss sogar, dass Malte Spitz am 12.02.2013 einen Toaster bestellt hat. Also bitte! Einen Toaster!

Was Malte Spitz offensichtlich nicht weiß, ist, dass Unternehmen gesetzlich verpflichtet sind, Rechnungen 10 Jahre aufzubewahren.
Was Malte Spitz vielleicht nicht weiß, ist, dass Unternehmen verpflichtet sind, 24 Monate Gewährleistung auf fast alle Produkte zu geben (in jedem Fall auf Toaster!), und die Prüfung entsprechender Ansprüche auch schwer fällt, wenn Menschen aus freier Entscheidung heraus bestimmen, dass ihre Toaster-Daten nicht gespeichert, verarbeitet oder weiter gegeben werden – selbst wenn es den umsatzsteuerrechtlichen Aspekt nicht geben würde.

Seine Krankenkasse speichert Arbeitgeber-Informationen bis ins letzte Jahrtausend zurück. Macht Sinn, so bräsig wie die Deutsche Rentenversicherung ist, kann man sehr schnell große Freude verspüren, wenn einem die Krankenkasse einen Nachweis zu den der Rentenversicherung fehlenden Beitragsjahren liefern kann.

Bei einer Flugbuchung in 2012 sind nicht nur Datum, Start und Ziel bis heute gespeichert (siehe oben…), sonder darüber hinaus DIE SITZPLATZNUMMER! Das ist wirklich dramatisch. Nicht nur, dass die Privatsphäre von Malte Spitz in eklatanter Weise verletzt wird und seine Grundrechte mit Füßen getreten werden, nein: Das ist Verschwendung von Festplattenplatz. Was denkt sich die Lufthansa dabei, ihre Server mit solchem Datenmüll vollzustopfen?
Nehmen wir einfach an: Diese Daten werden nur deswegen gespeichert, weil eine selektive Löschung teurer ist als der Speicherplatz für die nächsten Jahre. Nicht einmal die NSA interessiert sich dafür, ob es 12A oder 14C war.

Dem geneigten Blogger stellt sich mittlerweile die Frage: Wann kommt denn jetzt die Stelle zum Aufregen? Um es vorweg zu nehmen, sie scheint nicht zu kommen. Ok, ich habe das Buch nicht gelesen, sondern nur den PR-Artikel, aber die Erfahrung lehrt, dass die reißerischsten Fallbeispiele in der PR immer ganz oben stehen. Gehen wir also getrost davon aus, dass es – wie bei den meisten Datenschutz-Skandälchen – keine gibt.

Stattdessen ein Klassiker – der Hinweis auf das gläserne Kundenprofil: „Als Trost könnte man einwenden, dass es sich um Streubesitz handelt. Nicht ein Unternehmen oder eine Behörde hat Zugriff auf alle Daten. Das mag zum Teil sogar stimmen. Doch arbeiten Unternehmen daran, möglichst aussagekräftige Profile über Kunden zu erstellen. Dafür werden Daten aus verschiedenen Quellen zusammengeführt. “

Nun, neu ist das nicht, zweifelsohne wird das gemacht und es hat nie jemand bestritten. Was viel zu selten gesagt wird: Es ist gut.
Die „aussagekräftigen Profile“ dienen einem Zweck: Zielgenauere Werbung. Anstatt seine Internet-Banner wahllos hier und da zu zeigen, zeigt man sie nur noch den Menschen, die sich für die Produkte generell interessieren. Spart Werbebudget und freut den Nutzer.
Beispiel: Ich google „Ibiza“, klicke ein bisschen und werde in den nächsten Tagen auf allen Websites – natürlich nicht nur bei Google direkt – mit jeder Menge Ibiza zugeworfen. Auf diese Weise habe ich das Hotel entdeckt, in dem ich einen wunderbaren Urlaub für übersichtliches Geld verbracht habe. Ohne den gläsernen Kunden hätte ich stattdessen Werbung für Waschmittel und Sofas gesehen und wäre vermutlich in dem teureren, zuvor favorisierten Hotel gelandet.

Genauer gesagt – ich hätte die Werbung für Waschmittel nicht zu sehen bekommen. Ich hatte nämlich bis vor einigen Monaten einen Adblocker aktiv, weil die ganze Werbung zu sehr nervte. Mittlerweile bin ich als Kunde aber so gläsern und die Algorithmen funktionieren so gut, dass ich den Adblocker deaktiviert habe. Denn: Was sich heute zu sehen bekomme, ist zu einem guten Prozentsatz schlicht interessant – Ibiza ist nur der aktuelle Leuchtturm.

Das weiß Malte Spitz vermutlich auch. Aber er sagt es nicht – es wäre ja schlecht für den Buchverkauf.

Obwohl – halt. Ich korrigiere mich; er weiß es vermutlich nicht. Seine Internet-Kompetenz reicht eher nicht dafür aus. Auf diesen Gedanken komme ich, weil der Politiker mit den Schwerpunkten „Medienpolitik, Bürgerrechte, Netzpolitik“ auf der Startseite seiner eigenen Website am 28.10.2014 immer noch Werbung für seinen Bundestagswahlkampf 2013 macht.
Der Screenshot ist von heute. Ehrenwort.

Homepage Malte Spitz
Homepage Malte Spitz 28.10.2014

 

 

 

 

 

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