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Eine seltsame Auffassung von Rechtssicherheit

Man stelle sich vor, Herr X hat Geld verliehen an Herrn A. Sagen wir 832 €. Herr A gerät in böseste finanzielle Schwierigkeiten – die Gründe seien an der Stelle völlig egal.
Natürlich geht es nicht nur um die 832 € von Herrn X, es gibt viel mehr Gläubiger.
Die meisten anderen Gläubiger von Herrn A verzichten per Vergleich auf einen Großteil ihres Geldes in der Erwartung, mit dem Vergleich besser da zu stehen, als wenn sie den Schuldner in die Insolvenz treiben.

Herr X geht einen anderen Weg: Er verkauft seine Forderung für 49 € an Herrn S.
Herr X tut das, weil er mit diesen 49 € besser wegkommt, als wenn er auf den angebotenen Vergleich eingeht.
Herr S tut das, weil er warten kann und hofft, dass Herr A irgendwann später seine Schulden wieder regulär begleichen kann und er mehr als 49 € bekommen kann.

Die Hoffnungen von Herrn S bewahrheiten sich; nach ein paar Jahren geht es Herrn A wieder besser.
Nun möchte Herr S – natürlich – das vor Jahren verliehene Geld zurück haben. Herr A weigert sich zunächst mit dem Hinweis, dass andere Gläubiger ja auch nur einen Teil zurückbekommen haben. Die Sache geht vor Gericht, und es wird entschieden, dass Herr A das von ihm geliehene Geld vollständig zurückzahlen muss.

Soweit jemand Fragen oder Einsprüche? Nein?
Dann ist jetzt der richtige Moment, diesen grausam populistischen Artikel von Jakob Augstein zu lesen.

Hedgefonds: Paul Singer zwingt Argentinien zur Zahlung - SPIEGEL ONLINE

Hedgefonds: Paul Singer zwingt Argentinien zur Zahlung – SPIEGEL ONLINEhttp://www.spiegel.de/politik/deutschland/hedgefonds-paul-singer-zwingt-argentinien-zur-zahlung-a-978916.html1608 Prozent Gewinn! In sechs Jahren! Ein amerikanischer Hedgefonds fordert diesen obszönen Profit und zwingt den Staat Argentinien in die Knie. Die US-Justiz hilft dabei. Ein Paradebeispiel für die Perversion der Macht im Kapitalismus.

 

Aus schlichter internationaler Rechtssicherheit – also einem sehr hohen Gut – wird plötzlich Erpressbarkeit.
Nehmen wir ein genau vergleichbares Beispiel: Eine 84-jährige Dame weigert sich, ihr Grundstück, auf dem sie seit ihrer Kindheit lebt, für den geplanten Ausbau einer Bahnstrecke zu verkaufen, und das Enteignungsverfahren des Staates scheitert vor Gericht.
Schreibt Augstein dann auch, wie unfassbar es ist, dass ein einzelner Mensch die Macht hat, einen Staat mit 40 Millionen Menschen in die Knie zu zwingen?

Recht hat er mit der abschließenden Forderung, dass ein Insolvenzverfahren für Staaten entwickelt werden muss; zweifelsohne erhöht ein solcher Weg das Risiko für Menschen, die „Schrottanleihen“ kaufen. Aber das kann diese journalistische Entgleisung nicht retten.

PS: Ich kenne jemanden, der noch zu DM-Zeiten ein angeschlagenes Unternehmen für 1,- DM gekauft hat. 8 Jahre später wurde das Unternehmen für 200.000 € wieder veräußert. Macht dann rund 400.000 % Profit in 8 Jahren. Wenn 1.608 % ! in sechs Jahren! obszön ist! – was ist das?